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Offene Wissenschaft Wenn Freiheit zu Anarchie wird

Open Science hilft Wissenschaftlern dabei, mit ihrer Forschung voranzukommen. Das Konzept hat aber auch Grenzen. Unsere Kolumne.

Das Konzept existiert seit Ende der 1990er Jahre. Damals prägte die Soziologin Caroline Robertson-von Trotha als Erste den Begriff der „offenen Wissenschaft“. Ihre Programmatik lautete: Forschung sollte dialogbasiert, transparent und allgemein zugänglich sein. Das galt für die wissenschaftsinterne Kommunikation ebenso wie für den Austausch mit der Gesellschaft. Hierarchien wollte das ungewöhnliche Programm abbauen, offene Diskussionen anstoßen. Durch das Web 2.0 wurde das Konzept Realität. Heute gehört es zum Selbstverständnis innovativer Forschung. Es hat deren Strukturen verändert, wobei auch Risiken sichtbar werden.

Open Science ermöglicht den digitalen Austausch über Spezialthemen. Gefördert wird die Suche nach Lösungen, auch in entlegenen Regionen und über Fächergrenzen hinaus. Wer sich im Open-Science-Format vernetzt, erklärt sich bereit, andere an seinem Wissen teilhaben zu lassen, um Antworten auf eigene Fragen zu erhalten.

Hier herrscht kein Wettbewerb von Personen oder Institutionen mehr. Im Vordergrund steht die Community, die sich mit vereinten Kräften um Problemlösungen bemüht. Damit erreicht die vielbeschworene Autonomie der Wissenschaft eine neue Stufe. Denn es gibt keine Rahmenbedingungen, die Entscheidungen vorab festlegen, sondern eine breite Partizipation derjenigen, die an der Sache selbst interessiert sind.

Bei Open Science ist es von diesem Punkt nicht weit zur Bewertung wissenschaftlicher Publikationen durch Kommentierung im Netz. Artikel werden – anders als im gängigen Publikationssystem – ohne vorherige Prüfung durch Gutachter online gestellt, anschließend werden sie fortlaufend durch die Scientific Community besprochen.

Unkontrollierter Ausstoß von Texten

Offensichtliche Fehler im Rahmen von Messungen oder Datenerhebungen können in Texten nachträglich korrigiert, diese sogar zurückgezogen werden. Ähnlich wie im Fall der Kommunikation über laufende Projekte, ist diese Art der Qualitätssicherung auch das Produkt eines offenen Prozesses.

Hier liegt ein Problem. Verzichtet man auf Vorabbegutachtungen, besteht das Risiko, dass das Netz mit allgemein zugänglichen Veröffentlichungen geflutet wird. Schon jetzt beobachten wir in natur- und lebenswissenschaftlichen Fächern Online-Zeitschriften und -Plattformen, die so schnell verschwinden wie sie ins Leben gerufen wurden.

Wenn die Qualitätssicherung das Ergebnis von offenen Aushandlungsprozessen im Netz ist, besteht die Gefahr, dass der Zufall regiert. An die Stelle gezielter Bewertungen, die es erlauben, die Publikation wissenschaftlicher Artikel zu steuern, tritt ein unkontrollierter Ausstoß von Texten. Gerade die freie Publikation könnte damit ungewollt zum Relevanzverlust der Forschung beitragen.

So wichtig für die Startphase wissenschaftlicher Projekte der offene Austausch ist, wie ihn das Open-Science-System erlaubt, so notwendig bleibt die Sicherung der Qualität, wo es um die Veröffentlichung von Resultaten geht. Absolute Freiheit und verantwortungsvoller Umgang mit Forschungsergebnissen widersprechen sich an diesem Punkt.

Richtig ist es also, die Offenheit der Wissenschaft in der Phase der Ideenfindung und Konzeptentwicklung zu fördern, zugleich aber an der Vorabprüfung der Publikationen festzuhalten. Andernfalls wird aus Freiheit Anarchie.

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