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NSU-Komplex Es geht um die Grundlagen der Menschlichkeit

Der NSU-Komplex muss weiter untersucht werden. Damit die Zukunft nicht so unmenschlich wird wie die rassistische Verrohung der Debatten von heute. Die Kolumne.

NSU
Im NSU-Prozess wurde ein Urteil gesprochen. Analytische Elemente bleiben außen vor. Foto: dpa

Der NSU Prozess ist zu Ende. Die Urteile gegen die Angeklagten wurden gesprochen. Dass er abgeschlossen werden konnte, dass die Urteile – besonders das gegen Beate Zschäpe – als angemessen empfunden werden, ist eine große Erleichterung. Dennoch scheinen in diesem Moment der NSU, die Morde, die Opfer, die Skandale, das Staatsversagen und nun am Ende die Urteile so, als wäre all das aus der Zeit gefallen. Wie ein Echo aus früheren Realitäten. Wie ein Wollfaden aus dem Labyrinth vergangener Geschichte. Wie eine Erinnerung, von der man Kopfweh bekommt und sie deshalb nie im Ganzen haben möchte. 

Das Urteil schleppt die bleierne Zeit mit sich, in der Rassismus im Westen innerhalb der Institutionen so normal war, dass über Jahre die Opfer verhöhnt, die Angehörigen beschuldigt und die Ermittlungen nicht mit Hochdruck, sondern nur mit Hochmut betrieben wurden. Das Gegenstück im Osten passte dazu perfekt. Naziterroristen konnten unbehelligt von hier aus ihre Raub- und Mordzüge planen, ihre Freunde treffen, in die Ferien fahren, essen, trinken, Spaß haben. Wer heute noch leugnet, dass der Rassismus in den Institutionen des Westens gang und gäbe war, macht sich ebenso lächerlich wie jener, der behauptet, der Osten wäre, zumindest in Teilen, nie ein perfektes Nazibiotop gewesen. 

Ein Prozess aus der Zeit gefallen

Beides zu ignorieren und zu verleugnen, hat das Deutschland dieser Jahre ausgemacht. Und beides zu wissen und zu benutzen, hat den Erfolg des NSU ermöglicht. Die Naziszene im vereinten Deutschland hat es schnell begriffen. Sie mussten nur die blinden Flecken der staatlichen Strukturen mit ihrem Wissen, wie zuverlässig der Rassismus jeweils in Ost und West funktioniert, zusammenrühren. Daraus konnten sie ihre strategische Klarsicht organisieren. 

Das alles hat der Prozess gegen den NSU irgendwie mitgeschleppt, nicht aber in aller Klarheit und Schärfe ausgesprochen. Deshalb bleiben Prozess und Urteil hinter der Bedeutung zurück, die beides für Deutschland hätte haben können. Trotz der Dauer und der Erwartungen erreichte er nicht die Bedeutung anderer großer Prozesse der Nachkriegsgeschichte. Denn das Ungesagte, die Entscheidung, strukturelle Fragen zu umgehen, und das Fehlen des analytischen Moments ermöglichten am Ende dann auch nicht die Katharsis, auf die die Opfer so sehr gehofft hatten.

Aus der Zeit gefallen wirkt das Ende des Prozesses noch aus einem anderen Grund. Die Atmosphäre von heute unterscheidet sich von jener Zeit, als der Prozess begann. Damals ging es um Aufklärung, um Morde und Nazis. Heute sind etablierte Medien wie soziale Netzwerke voll davon, allen Ernstes die Grundlagen der Menschlichkeit zu diskutieren, also ob man Ertrinkende retten oder zur Abschreckung doch besser ersaufen lassen sollte. Kein Zynismus einer radikalen Randgruppe steht hier zur Debatte, sondern die Basis der westlichen Wertvorstellung von der Unteilbarkeit der Menschenwürde. 

Der NSU war krass damals. Aber heute? Beate Zschäpe und ihre Komplizen haben, wenn sie dieses Heute zynischer Debatten sehen, die Zeit vorweggenommen, den Weg bereitet. Vorgedacht. Die Einheit vollendet. Nein, der NSU-Komplex muss weiter untersucht werden, bis in die Gegenwart hinein, damit die Zukunft nicht so unmenschlich wird, wie die rassistische Verrohung der Debatten von heute.

Anetta Kahane ist Vorsitzende der Amadeu-Antonio-Stiftung.

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