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Nationalismus Die deutsche Großkotzigkeit einstampfen

Die Debatte nach dem WM-Aus des deutschen Teams zeigt: Es muss einiges korrigiert werden in diesem Land. Die Kolumne.

Fanmeile in Berlin
Der deutsche Nationalismus gedeiht während einer WM besonders gut. Foto: Jens Büttner (dpa-Zentralbild)

Eigentlich wäre dies, was damals geschah, ein wenig nachvollziehbar, wären da nicht die Begleitumstände. Bern 1954. Rahn musste schießen, Rahn schoss – Tor, Tor, Tor. Kurz danach war es soweit. Aus, aus, das Spiel war aus – und Deutschland Weltmeister. Dieser Sieg bedeutete gewaltig viel. Nie zuvor und nie danach waren sich die Deutschen so eins wie in jenen Jahren nach dem Krieg. Sie bildeten eine Schicksalsgemeinschaft.

Keiner wollte es gewesen sein

Schon vorher hatte man eine makabre nationale Identität entwickelt. Gehörte man doch dem Tausendjährigen Reich an und verfügte über ein Wesen, an dem die Welt genesen sollte. Das verband.

Noch weiter wuchs man nach 1945 zusammen. Denn die Deutschen wurden nun zurecht von der ganzen Welt für eines der größten Verbrechen der Geschichte verantwortlich gemacht. Direkt durch Taten oder indirekt durch Mitwissen.

Was sie dann noch mehr zusammenschweißte: Jeder war sich seiner Schuld bewusst – aber keiner wollte es gewesen sein. Das fraternisierte zusätzlich, trotz, oder gerade wegen ständiger gegenseitiger Beschuldigung.

Noch enger rückte man zusammen, als man gemeinsam das sogenannte Wirtschaftswunder erschuf. Und mitten in diese kollektive Schizophrenie platze dieser Sieg in Bern. Man meinte, wieder wer zu sein und maß einem läppischen Fußballspiel eine globale und epochale Bedeutung bei und empfand das wie das Plädieren eines Weltanwalts auf Freispruch. Ein Humbug. Und nun? Wieder Fußball. Drei Mal schlecht gekickt, raus aus dem Turnier – und schon wieder dieser Humbug, nur andersrum.

Die Story von der nationalen Schande

Fast eine Woche nach dem Aus verharrt das Land noch immer in Schockstarre. Zeitungen, auch seriöse, berichteten seitenlang von einer nationalen Schande. „Es war einmal ein starkes Land“ titelt aktuell „Der Spiegel“ und zwirbelt umständlich eine Verbindung zwischen dem Scheitern von Fußballern, Managern und Politikern herbei. „Bild“ setzte riesige Fotos des Bundestrainers und der Bundeskanzlerin nebeneinander und stellt beiden die Schicksalsfrage. Ihm wegen dürftiger Balltreterei, ihr wegen allem anderen.

Dass zwei knapp bedarfte Fußballbuben sich mit dem türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan ablichten ließen, wird nun immer mehr verteufelt. Eine Sportreporterin erhielt Morddrohungen, Brauereien fürchten einen Umsatzverlust von 40 Millionen Euro, Wirte bangen um ihre Existenzen, Discounter müssen Berge von Billigbratwürsten verramschen, Nationalleibchen vergammeln in den Kaufhäusern.

Das Land strauchelt, überall knirscht und kriselt es. Aber jedes Scheitern birgt eine Chance – in diesem Falle, endgültig von dem scheinheiligen, schwarz-rot-goldenen Sommermärchenwahn aus dem Jahre 2006 zu genesen, der in seiner Deutschtümelei einer der Wegbereiter für das Aufkommen der AfD war.

„Best never rest“ lautete der Werbespruch der deutschen Balltreter. Das erinnerte auch schon wieder irgendwie an das deutsche Wesen von einst. Aber fußballgottlob wurden die germanischen Kicker diesem Anspruch nicht gerecht.

Denn die Deutschen sind keine Übermenschen, sondern 80 Millionen von knapp acht Milliarden auf dieser Erde. Nicht mehr und nicht weniger. Den Slogan können sie nun einstampfen, zusammen mit den Leibchen, den Würsten – und mit der deutschen Großkotzigkeit.

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