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Nahost Vergangenheit bewältigen, bitte

Den Holocaust relativiert niemand, nur weil er über das palästinensische Trauma von Flucht und Vertreibung spricht. Die Kolumne.

Palästina
Eine Palästinenserin an der Grenze von Israel und dem Gaza-Streifen. Foto: dpa

Jeder Deutsche, der längere Zeit in Nahost verbracht hat, wird Ähnliches schon erlebt haben. Mir selbst ist es zuletzt in einem Taxi in Jerusalem passiert, dass der palästinensische Chauffeur, als er erfuhr, woher ich komme, leuchtendes Auges ausrief, „I love Germany!“.

Seine ungebremste Begeisterung galt nicht etwa Bayern München oder Angela Merkel, die in der arabischen Welt ebenfalls eine Menge Bewunderer haben, sondern niemand anderem als Hitler. „Ein toller Kerl“, schob der Taxifahrer hinterher. „Was, dieser Massenmörder?“ Meine entsetzte Bemerkung schien ihn zu belustigen. Woraufhin ich empört ausstieg und zu Fuß nach Hause trabte.

Der Gegenpol zu dem taxifahrenden Hitler-Fan ist Achmed, sein voller Name tut nichts zur Sache. Damals, in den Jahren des Osloer Friedensprozesses, war er ein junger Student aus Ramallah, der unbedingt mehr über den Holocaust erfahren wollte. Und so mogelte er sich durch den Checkpoint nach Jerusalem, um mit einer Gruppe von Israelis, Deutschen und Palästinensern wie ihm, Yad Vashem zu besuchen. Eine positive Erfahrung, die alle Teilnehmer, mich inklusive, nachhaltig prägen sollte.

Das Projekt, das wir „Trialog in Yad Vashem“ nannten, verkümmerte im Laufe der zweiten Intifada. Aber es gab neue Initiativen. Studenten der Ost-Jerusalemer Al Quds-Universität, die mit ihrem Professor nach Auschwitz reisten. Dazu ein Holocaust-Museum, das ein arabischer Israeli aus Eigenmitteln in Nazareth eröffnete.

Sicher, eine Minderheit. Doch zumindest schien sie Palästinenser-Präsident Mahmud Abbas hinter sich zu wissen, der vor einigen Jahren den Holocaust das schrecklichste Menschheitsverbrechen der Neuzeit nannte. Seiner jüngsten Rede zufolge, gehalten vor dem PLO-Nationalrat, sollen die Juden allerdings selber schuld sein. Weil sie, so Abbas, mit ihrem Verhalten als Banker und Geldverleiher quasi die Nazis zur Massenvernichtung provoziert hätten.

Das ist nicht nur starker Tobak, sondern Antisemitismus in Reinform, der aus Tätern Opfer des „jüdischen Finanzkapitals“ macht. Was immer ihn zu seiner Rolle rückwärts trieb, den letzten Respekt, den er als Protagonist einer friedlichen Zwei-Staaten-Lösung in der Welt genoss, hat Abbas damit verspielt.

Heute ist er ein Mann von gestern, isoliert im eigenen Volk, der den Palästina-Konflikt internationalisieren möchte, aber allenfalls antijüdische Ressentiments des besagten Jerusalemer Taxifahrers oder arabischer Kippajäger in Berlin bedient – die Allianz der Ignoranten.

Israels Premier Benjamin Netanjahu sieht sich nun wieder mal bestätigt, nämlich, dass es der anderen Seite an einem echten Friedenspartner mangele. Das wäre glaubhafter, wenn seine eigene Regierung wenigstens einen ehrlichen Umgang mit al-Nakba, dem palästinensischen Trauma von Flucht und Vertreibung, zuließe. Den Holocaust, einzigartig in seiner Monstrosität, würde das nicht relativieren.

Umgekehrt gilt indes auch, dass jene Achmeds, die wissen wollen, was den Juden in Europa angetan wurde, damit noch nicht palästinensische Rechte schmälern. Wir Deutschen sind stolz auf unsere Vergangenheitsbewältigung, ohne die wir nicht wären, wo wir sind.

Ich hätte da eine Frage: An welchen KZ-Gedenkstätten hierzulande gibt es Führungen in Arabisch? Das müsste doch ein schnellst machbares Angebot für integrationswillige syrische Flüchtlinge sein.

Inge Günther ist Autorin

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

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