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Nachbarschaftshilfe Online So von Mensch zu Mensch - ist out

Früher hat man beim Nachbarn geklopft, wenn ein Ei fehlte. Heute gibt es dafür eine App. Ob sie hilft? Die Kolumne.

Nachbarschaft
Früher hat man beim Nachbarn noch geklingelt, wenn man ein Ei brauchte. Foto: Martin Weis

Eigentlich könnte man sich ja längst daran gewöhnt haben. Zu oft hat man das doch schon erlebt. Man steht als Eingeborener irgendwo herum, und ein Fremder kommt herbeigeschlichen. Das Gesicht tief in einem Smartphone verborgen, augenscheinlich auf der Suche nach dem richtigen Weg oder einer bestimmten Adresse.

Hin irrt er und her, rauf und runter, immer verzweifelter. Ab und zu hebt er den Kopf, dann schweift sein Blick leer durch die Schluchten der Straßen und streift auch immer wieder den Eingeborenen. Aber ihn um Rat fragen? Den, der sich doch wahrscheinlich hier auskennt?

Auf diese Idee kommt er nicht, der Ortsfremde. Da müsste er ja jemandem in die Augen sehen, reden, womöglich lächeln, gar einen direkten sozialen Kontakt aufnehmen. Lieber vertraut er seinem Apparat, seinem ständigen elektronischen Begleiter. Steht der doch in ständigem Kontakt mit einem Satelliten und ist zudem pickepacke vollgepackt mit dicken Freunden und Followern – obwohl ihn dieses ganze vermeintlich perfekte System schon wieder einmal kläglich im Stich lässt.

Zugegeben, die direkte Ansprache eines Mitmenschen kann auch mal danebengehen. Erlebte doch unlängst ein Bekannter in Berlin den folgenden Dialog: „Tschuldigung, ich suche die Müllerstraße.“ – „Keene Ahnung. Welche Nummer?“ Das brachte ihm zwar nicht den gewünschten Erfolg, aber immerhin eine Anekdote, die er immer wieder gerne erzählt.

Das unmittelbare Miteinander kommt also aus der Mode – und zwar nicht nur zwischen Einheimischen und Auswärtigen. Auch Nachbarn untereinander ignorieren sich zunehmend, selbst wenn sie im selben Haus wohnen. Das „Guten Morgen“ von Mensch zu Mensch? Das war einmal, zumindest in den einschlägigen Smoothie-Arealen der Großstädte.

Klar, die Folge ist eine Vereinsamung. Das spürt sogar der moderne Urbane und sucht nach Abhilfe. Und was hilft, wenn nichts mehr hilft? Richtig. Eine App. Also entwickelten findige Abgekapselte flugs eine solche.

Da gibt man an, ein einsames Würstchen zu sein und erhofft sich so den Kontakt zu anderen einsamen Würstchen in der Umgebung. Die Folgen sind die gleichen wie bereits oben beschrieben. An Smartphones klebende, armselige Gestalten auf der Suche nach etwas oder jemandem – doch nicht fähig zum direkten Kontakt. Unter Umständen treffen sie dann auf einen Nachbarn, den sie jahrelang nicht mit dem Arsch angeguckt haben.

Doch da es solchen Geschöpfen ja nicht nur nach menschlicher Wärme dürstet, sondern gelegentlich ganz normal nach Flüssigkeit, musste auch dafür eine Lösung her. Sie wurde schnell gefunden. „Refill Hannover“ nennt sich das Facebook-Portal, das von dort aus rasch die ganze Republik erobern soll.

Das Prinzip ist genial. Man ersteht eine eigens dafür hergestellte Plastikflasche, und verspürt man einen Durst, führt einen das Portal zu Menschen, die bereit sind, einem die Flasche am heimischen Hahn wieder aufzufüllen.

Potzblitz! Dass darauf noch niemand gekommen ist. Jahrtausendelang musste man mühsam bei jemandem klopfen oder klingeln und umständlich um etwas Wasser bitten. Nun geht das ganz wie von selbst. Mit etwas Glück sogar vollkommen ohne Worte und ohne Augenkontakt. Bedanken kann man sich ja hinterher. Online, versteht sich.

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