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#MeToo-Kampagne Unbefangenheit ist bedroht

Der freundliche Umgang miteinander ist gefährdet. Ausgerechnet durch die #MeToo-Kampagne. Die Kolumne.

Eigentlich – so könnte man meinen – steht es mir ja nicht zu, über dieses Thema zu schreiben. Der Grund: Ich bin ein Mann. Nun habe ich aber nicht vor, mich über Menstruationsbeschwerden auszulassen, auch möchte ich nicht von meinen Erfahrungen mit Schwangerschaftsyoga berichten oder Schminktipps geben. Ebenso wenig – selbst wenn gerade der Eindruck entstanden sein sollte – liegt es mir fern, mich über eine ernste Sache lustig zu machen. Ganz im Gegenteil.

Doch es ist ein schmaler Grat, auf dem ich mich da gerade bewege. Dabei geht es eigentlich nur darum, wie Männer und Frauen miteinander umgehen. Das klingt simpel, ist aber dennoch kompliziert und wird immer komplizierter. Gleichzeitig nämlich dreht es sich heutzutage rasch um die Frage „Wo endet zwischenmenschliche Freundlichkeit und wo beginnt sexuelle Belästigung?“ – und das ist dann arg.

Seit Monaten mache ich mir diesbezüglich meine Gedanken. So fällt mir auf, dass es mittlerweile nahezu unmöglich ist, auf der Straße eine Frau anzusehen. Kaum unternimmt man den Versuch, schnellt der Kopf der Entgegenkommenden zur Seite und dann schräg nach oben, als versuche sie, die Schornsteine der gegenüberliegenden Häuser zu katalogisieren.

Zugegebenermaßen bin ich weit davon entfernt, eine Augenweide darzustellen. Aber ich erwarte ja auch gar nicht, andere mit gustiösem Aussehen zu erfreuen. Ich möchte nur beachtet werden. Denn ich bin weder ein Briefkasten noch ein Mülleimer – sondern ein Mensch. Und als solcher bin ich es seit Jahrzehnten gewohnt, anderen Menschen bei einer Begegnung kurz in die Augen zu sehen. Man könnte sich schließlich ja auch von irgendwoher kennen und sich dann grüßen – was aber kaum funktionieren kann, wenn das Gegenüber nur Dachsimse anstiert.

Ich versichere an dieser Stelle, mir noch nie auf offener Straße die Kleider vom Leib gerissen und mich auf eine fremde Frau geschmissen zu haben – nicht mal auf die eigene. Selbst in heimischer Schlafstube und beiderseitiger präkoitaler Grundstimmung entspricht dies üblicherweise nicht meiner Art. Hilft aber nicht, denn ich stehe unter Generalverdacht. Übrigens nicht nur ich, wie mir immer wieder andere Geschlechtsgenossen berichten.

Doch wo soll das alles hinführen? Ich warne ja gar nicht wie Catherine Deneuve und 99 weitere französische Frauen in einem Appell gegen die „#MeToo-Kampagne“ vor einer europaweiten „neuen Prüderie“ – obwohl ich natürlich auch in diese Richtung denke. Doch, wie gesagt, steht es mir kraft meines Geschlechts nicht zu, mich so weit aus dem Fenster zu hängen.

Außerdem sieht man sich da schnell in einer Reihe mit Immerschwanz Silvio Berlusconi, der sofort eine peinliche Macho-Replik auf das Statement der Französinnen posaunte – was mich in der Tat fast davon abgehalten hätte, diese Kolumne überhaupt zu verfassen.

Doch möchte ich dieses Thema nicht von Kerlen wie ihm besetzt wissen. Zu viele wichtige Felder werden neuerdings leichterhand solchen Dumpfbacken überlassen. So gebe ich einfach nur leise zu bedenken, dass uns der Verlust einer großen gesellschaftlichen Errungenschaft droht: des freundlichen und unbefangenen Umgangs miteinander. Dass dies für Frauen wie Männer gleichermaßen gilt, versteht sich von selbst.

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