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Merkel-Nachfolge Die Iden des Merz

Wettquoten taugen nicht zum Wahrsagen. Annegret Kramp-Karrenbauer sollte sich also nicht auf ihre dortige Favoritenstellung verlassen. Die Kolumne.

CDU
Kann Friedrich Merz Kanzlerin? Foto: dpa

Carsten Linnemann rutschte nervös auf seinem Sessel hin und her. Der Chef der mächtigen Mittelstandsvereinigung der CDU, der ansonsten eher den kühlen Spindoctor seiner Partei gibt, verhedderte sich in einer „Markus Lanz“-Sendung bei der Frage, wann und wie oft er denn mit dem plötzlichen Politrückkehrer Friedrich Merz telefoniert habe. Man spreche miteinander, nichts Ungewöhnliches, versuchte Linnemann sich herauszureden.

Deutlich wurde an diesem Fernsehmoment, dass die Geschichte von der Dringlichkeit politischer Sachthemen und offener Diskussionen nach dem angekündigten Rückzug von Angela Merkel als Parteivorsitzende der CDU nur die eine Seite der Medaille sind. Während nun in alle Mikrofone gesprochen wird, dass endlich Schluss sein müsse mit der Hinterzimmerpolitik, schlägt die Stunde der Strippenzieher, wo immer man sich auch treffen mag.

Wie schön altmodisch das klingt: Hinterzimmerpolitik. Das Konspirative, das natürlich auch die Volkspartei CDU durchdringt, hat weiterhin analogen Charakter. Digitale Zukunft? Vielleicht später. Transparenz? Wehe dem, der sich zu früh bewegt. Nicht ausgeschlossen, dass Merz nur eine Testperson ist, um das neu entstandene Machtgefüge in der Partei auszuloten.

Die Prätorianer, die entschlossen sind, der Macht der Kanzlerin ein Ende zu bereiten, sind ergraut. Möglich aber auch, dass Friedrich Merz mit seiner schnellen Kandidatur auf den Überrumplungseffekt gesetzt hat. Wie auch immer.

Annegret Kramp-Karrenbauer, die Merkel-Vertraute

Sehr deutlich geht aus der Gemengelage, die nun viele als demokratische Erneuerung feiern, hervor, dass sich Christdemokratinnen und Christdemokraten auf ein großes Jungsding werden einstellen müssen. Die starken Frauen in der Partei mit dem C – Annegret Kramp-Karrenbauer, Ursula von der Leyen, Julia Klöckner und Monika Grütters – scheinen allein durch die Zuschreibung ausgebootet, Merkel-Vertraute gewesen zu sein.

Oder etwa nicht? Der Wettmarkt, der bei solchen Gelegenheiten gern als Stimmungsbarometer zurate gezogen wird, spricht eine andere Sprache. Beim britischen Wettanbieter Ladbrokes liegt CDU-Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer bei der Frage nach dem „next Chancellor“ deutlich vorn.

Für ein britisches Pfund Einsatz erhält der wagende Wetter lediglich zwei Pfund am Auszahlschalter. Bei Friedrich Merz sind es immerhin fünf, und für einen Einsatz auf Jens Spahn erhält man bereits zehnfaches Geld. Für Sahra Wagenknecht und Alice Weidel sogar zwanzigfaches.

Kein Favorit ohne attraktiven Außenseiter

Der Wettanbieter Labrokes, der bei der Vergabe des Literaturnobelpreises in den letzten Jahren oft richtig lag – vielleicht auch nur, weil die geheimen Abstimmungen verraten wurden -, ist sich seiner Sache nicht ganz sicher. Via Facebook erbat Ladbrokes die Nennung weiterer Kandidaten.

Und verlassen sollten sich die Freunde von Annegret Kramp-Karrenbauer auf deren Favoritenstellung nicht. Der Wettmarkt wird irrtümlicherweise als Momentaufnahme akuter Chancen angesehen. Tatsächlicher aber ist er das Ergebnis einer unternehmerischen Aktivität, die vor allem einen Anreiz für Marktteilnehmer bieten soll, sein Glück zu versuchen. Kein Favorit ohne attraktiven Außenseiter. Mal sehen, welche Kandidaten sich noch aus der Deckung wagen. Die Linnemanns telefonieren täglich.

Harry Nutt ist Autor.

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