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„maternal gatekeeping“ Mama kann nicht loslassen

Väter kümmern sich nicht, heißt es immer. Aber was macht Mama, wenn Papa alles im Griff hat? Sie prüft die Windel - die Kolumne.

Frankfurt
Sollen schon wieder die Mütter schuld sein? Foto: Andreas Arnold

Kürzlich nahm ich an einer Veranstaltung teil, bei der es um die Rolle der Väter ging. Die Tagung fand in den Nordischen Botschaften in Berlin statt, mit Rednern unter anderem aus Dänemark, Schweden, Norwegen und Deutschland. Es wurden viele Zahlen präsentiert, so führte Schweden bereits 1974 eine Art Elternzeit nur für Väter ein. Also 33 Jahre vor Deutschland.

Inzwischen beanspruchen 90 Prozent aller schwedischen Männer nach der Geburt eines Kindes einen mindestens dreimonatigen Erziehungsurlaub – das sind dreimal so viele wie in Deutschland. Ich lernte, dass sich in Norwegen fast die Hälfte der Paare die Hausarbeit teilen – hierzulande ist sie überwiegend Frauensache. Wie können die deutschen Männer ein bisschen skandinavischer werden?

Der deutsche Vater, erfuhr ich, steht unter starkem Druck, er fühlt sich zerrissen zwischen seinen Rollen. 80 Prozent sagen laut Väterreport 2015, dass sie mehr Zeit mit ihrer Familie verbringen wollen, in der Realität sind Männer aber eher seltener zu Hause, sobald ein Kind kommt. Sie arbeiten sogar mehr als ihre kinderlosen Kollegen, 50 Prozent von ihnen verbringen laut Deutschem Jugendinstitut mehr als vierzig Stunden pro Woche am Arbeitsplatz – offenbar mit schlechtem Gewissen. Die Soziologin Karin Jurczyk sagt, dass Männer sehr stark unter den Spannungen zwischen Beruf und Familie leiden.

Das Problem ist nicht der Chef, sondern die Partnerin 

Aber der Grund, warum der deutsche Mann sich als Vater nicht ausleben kann, ist offenbar nicht sein Chef, sondern seine  Partnerin. Das legt zumindest die Forschung nahe. Denn entscheidend dafür, wie Eltern sich Berufstätigkeit und Hausarbeit aufteilen, seien die Rollenmodelle der Frau, sagt die Soziologin Jurczyk. Sie sprach davon, dass oft Frauen diejenigen mit den stereotypen Vorstellungen seien, die dazu neigten, Kinder und Erziehung an sich zu reißen, „maternal gatekeeping“ heiße das. 

Ach, Mann! Schon wieder sollen die Mütter schuld sein? In mir regte sich Widerspruch, doch dann dachte ich an die Sätze, die ich auch schon von Frauen gehört hatte. „In den ersten drei Jahren wirst du alles allein machen, egal wie ihr euch das vorher aufteilt“, hatte eine Bekannte vor der Geburt meines ersten Kindes gesagt. Eine Freundin schrieb, es sei ihr unangenehm, das zuzugeben, aber auch sie sehe sich als Mutter als Nummer Eins bei ihrem Kind und ihren Freund nur als Beiwerk.

In Skandinavien wurden die Rollenmodelle Anfang der 70er-Jahre revolutioniert, eine neue Generation von Müttern forderte die Gleichberechtigung ein. Hat der deutsche Feminismus da versagt?

Diese Frage ging mir im Kopf herum, als ich von der Konferenz zu Hause ankam. Mein Mann saß auf dem Boden und spielte mit den Kindern. Ich erzählte ihm, wie froh ich sei, dass ich nicht eine von diesen Kontrollmüttern sei und unsere Arbeitsteilung gut funktioniere. 

Dann riss ich ihm das Baby aus dem Arm, prüfte seine Windel und trug es zum Wickeltisch. Den Einwurf des Mannes, er habe das Baby frisch gewickelt, ignorierte ich. Ich zog dem Kind eine andere Strumpfhose an, die mir besser gefiel. 

Als ich zurückkam, grinste mein Mann spöttisch. Dann fiel es mir auf. Ich war keine zehn Minuten im Haus und mischte mich ein, obwohl er alles im Griff hatte. Ich bin offenbar auch ein Kontrollfreak.

Sabine Rennefanz ist Autorin.

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