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„Märtyrermuseum“ Delikate Vergleiche

Was haben dschihadistische Attentäter und Freiheitskämpfer gemeinsam? Sie verfolgen leidenschaftlich ein Ziel. Reicht das für eine Ausstellung? Die Kolumne.

Ein Jahr nach dem Terroranschlag in Berlin
Breitscheidplatz in Berlin: darf man Sokrates und Martin Luther King mit dem Terroristen Anis Amri in eine Reihe stellen? Foto: Bernd von Jutrczenka (dpa)

Manche sagen, Kreuzberg sei nicht mehr so prickelnd wie in den 80ern. Ansichtssache. Es gibt dort gerade eine spritzig-moussierende Ausstellung, die Verständnis für die „tapfere“ Arbeit afrikanischer Drogendealer wecken will. Das wirkt insofern inspirierend, als viele Berliner eben genau nicht den Eindruck haben, Politik und Behörden würden die Werktätigen des ambulanten Rauschmittelhandels grob und rücksichtslos behandeln.

Ein paar Straßen weiter gastiert das „Märtyrermuseum“. Die Wanderschau präsentiert „wertfrei“ Menschen, die für ihre Überzeugungen starben. In einer Art Gedenkschrein kann man Bilder islamistischer Attentäter neben denen von Sokrates, Maximilian Kolbe und Martin Luther King bestaunen. Das soll zeigen, wie relativ und flüchtig Zuschreibungen wie „Freiheitskämpfer“ versus „Terrorist“ oder „Held“ contra „Mörder“ sind.

„Freiheitskämpfer“ versus „Terrorist“

Mir muss das niemand erzählen. Mein Märtyrerklassiker war nicht Jesus, sondern Egon Schulz. Meine Schule trug seinen Namen. Ich hatte den Jungpionierauftrag, seine Passionsgeschichte zu erforschen: Imperialistische Agenten hätten, so hieß es, den DDR-Grenzsoldaten gemeuchelt.

Die Schule ist längst umbenannt. Schulz gilt heute als verhinderter Mauerschütze, der durch eine verirrte Kameradenkugel ums Leben kam. Später, bei der Armee, predigten mir Politoffiziere die Wehrkraftertüchtigungslegende vom Gardeschützen Matrossow. Er soll sich vor ein deutsches MG geworfen haben, um einen sowjetischen Sturmangriff zu decken. Aber ich war schon damals eher der postheroische Typ.

In Halle an der Saale gibt es sogar noch ein Matrossow-Denkmal. Vor der Wende stand es im Stadtpark. Dann wurde es schamhaft auf den Südfriedhof verbracht. Derart flottieren die Martyrien durch Raum und Zeit – auch innerhalb sogenannter Wertegemeinschaften: Soeben verfügte sich der frisch als Balkankriegsverbrecher verurteilte General Slobodan Praljak per Zyankali ins kroatische Walhalla. Die Präsidentin des Mitgliedstaates der Europäischen Union (EU) brach seinetwegen eine Auslandsreise ab. Das Parlament in Zagreb würdigte ihn mit einer Schweigeminute. Die Wiener „Kronen Zeitung“ widmete ihm die Schlagzeile: „Starker Abgang wie einst von Göring“.

Die deutsche Hauptstadt Berlin mag einigermaßen verkommen erscheinen, wertfrei ist sie nicht: Wegen des „Märtyrermuseums“ kam es zu – im modernen Kulturbetrieb durchaus erwünschten – Aufwallungen. Die Leute kapieren partout nicht, dass ein Bataclan-Killer auch so seine Gründe hatte. Sie haben den vagen Verdacht, nun auch kultursensibel für das Wirken von Menschenschlächtern sein zu sollen.

Eine delikate Note erhielt die repräsentative Darstellung von Anis Amris Arbeitskollegen durch einen offenen Brief, den Angela Merkel zur gleichen Zeit bekam. Hinterbliebene der Berliner Weihnachtsmarktattentatsopfer beschreiben darin, wie vergessen sie sich fühlen, und ermöglichen es jedem Bürger, sich seines Staatsapparates von Herzen zu schämen.

Wie um diese Zumutungen noch zu überbieten, spricht sich die Landeschefin der Linken dagegen aus, Gestalten wie Amri präventiv abzuschieben. Denn die würden dann ja woanders morden. Et jibt Dinge, sagt der Berliner, die kannste dir nich ausdenken. Es sei denn, du heißt Katina Schubert.

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