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Lindenstraße Sehenden Auges in den Abgrund

Vor 20 Jahren hat das Kaufhaus M. Schneider dicht gemacht. Die Frankfurter Institution war nicht zeitgemäß, so wie jetzt die Lindenstraße. Die Kolumne.

Lindenstraße
Familie Beimer in ihren Anfängen. Foto: Fotoreport (WDR)

Eigentlich habe ich den Verlust bis heute nicht verwunden. Er kam zwar nicht plötzlich, er hatte sich abgezeichnet. Auch als das Ende absehbar war, blieb immer noch ein bisschen Hoffnung. Vergebens. Vor 20 Jahren schloss das Frankfurter Traditionskaufhaus M. Schneider seine Pforten. 111 Jahre lang konnte man dort, auf der Einkaufsstraße Zeil, nahezu alles kaufen.

Tausende verschiedene Sorten Knöpfe und Reißverschlüsse, Heizdecken und Unterhosen, Fernsehsessel, Büstenhalter, Panamahüte, Stoffe, Beistelltische, Goldfischgläser, Schuhlöffel und Polstergarnituren – und alles nach einer fachkundigen Beratung durch Damen, die mitten im Leben standen und wussten, was sie dort sollten.

 Königsberger Klopsen, Hühnerfrikassee und Toast M. Schneider

Man konnte im M. Schneider auch seine Bettfedern reinigen lassen und einen Stock höher über den Dächern Frankfurts den besten Gänsebraten der Stadt essen, mit selbstgehobeltem Rotkraut und hausgemachten Kartoffelknödeln.

Morgens trafen sich dort Hunderte von Rentnerinnen und vereinzelte Rentner zum Frühstück, später zum Mittagessen, schließlich zu Kaffee und Kuchen. Ältere Damen mit lila Haaren neben stattlichen Gummibäumen vor dem Hintergrund der Skyline, es war eine Wonne.

Das Problem: Alles im Haus war auf dem Stand seiner Speisekarte, die da mit Königinpasteten glänzte, mit Königsberger Klopsen, Hühnerfrikassee und dem legendären „Toast M. Schneider“. Es war charmant und schmackhaft – aber nicht mehr zeitgemäß.

Frankfurt weinte

Während in anderen Häusern „Free-Flow-Theken“ mit Sushi, Burgern und Putenbrüsten Einzug hielten, während „Trademark-Stores“ die Abteilungen ablösten und Tagelöhnerinnen das angestammte Personal, blieb beim M. Schneider alles beim Alten – bis zum bitteren Ende.

Als das M. Schneider schloss, weinte tout Frankfort. Ein Stück Lebensqualität sei dahin, hieß es, die Innenstadt drohe nun endgültig den großen Konsumketten anheimzufallen, sie werde kälter, anonymer, unmenschlicher. So kam es auch. Fragte man allerdings die vielen plötzlich zu Sozialromantikern Mutierten, wann sie das letzte Mal bei M. Schneider eingekauft hatten, begann das große Rumdrucksen.

Es mündete schließlich in dem Eingeständnis, ab und an mal dort nach einem passenden Knopf gesucht zu haben. Von gelegentlichen Knopfverkäufen und den mehr und mehr verbleichenden Kantinengästen vermochte das Haus aber nicht mehr zu existieren.

So steuerte man sehenden Auges in den Abgrund. Man hätte das womöglich verhindern können und sich radikal verändern. Also rationalisieren, umbauen und modernisieren – um dann die eigene Identität zu verlieren und so zu werden wie die Sonstigen. Aber lieber gar kein M. Schneider als einer, der nur noch den Namen trägt und in Wahrheit ein seelenloser Kommerztempel ist wie alle anderen.

Ich persönlich habe mir nichts vorzuwerfen. Ich speiste regelmäßig und wonnig zwischen Rentnerinnen und Zimmerpflanzen. Deswegen habe ich den Verlust bis heute kaum verwunden – und nun droht mir schon der nächste: Die „Lindenstraße“ wird eingestellt.

Seit 1985 saß ich dort fast jeden Sonntag als unsichtbarer Zecher an der Theke des Akropolis. Eine gute Weile mit Harry Rowohlt, und als der gehen musste, alleine. Von all denen, die nun lauthals das Aus der Serie bejammern, habe ich dort schon lange keinen mehr gesehen.

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.

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