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Leistungsgesellschaft Hinterfotzigkeit und Eloquenz

Die moderne Gesellschaft fördert Fehlverhalten. Einige sind keine Schleimer mehr, sondern gut vernetzt. Die Kolumne.

Eigentlich traute diesen Vögeln ja noch nie jemand, dennoch heimsen sie immer wieder Erfolge ein. Schon im Vorschulalter brachten sie es durch ihre vordergründig freundliche und hintergründig eigennützige Art fertig, dass andere Kinder ihnen die schönsten Förmchen und dicksten Murmeln überließen – ohne dies wirklich zu beabsichtigen.

Als sie dies dann bemerkten, führte das natürlich zu viel Weinerei und argem Geschrei, doch rein rechtlich gesehen war die Eigentumsübertragung nicht zu beanstanden. War doch zwischen den Kurzen ein unanfechtbarer, mündlicher Vertrag entstanden.

Eine arglistige Täuschung stand zwar im Raum, war aber nie nachweisbar. Außerdem wechselten die Neubesitzer urplötzlich ihre vormals freundliche und mitleidheischende Art, verteidigten ihre neuen Murmeln und Förmchen bis aufs Blut und führten sich glaubhaft auf, als wären die Spielsachen schon seit Jahrhunderten in Familienbesitz.

Wir reden, wohlbemerkt, vom Windelalter. Solches Verhalten scheint also angeboren zu sein und verfolgt die Betroffenen ein Leben lang. Man nennt das Hinterfotzigkeit. Sie machen nichts ohne Kalkül, sehen in allem Streben stets nur den eigenen Vorteil.

So bringen sie es weit, viele aber nicht sehr weit, denn je höher sie steigen, umso eher werden sie durchschaut. Viele von ihnen kommen nicht über die unterste Stufe und verdingen sich als Heiratsschwindler in kleineren Kurorten, fortgeschrittenen Alters dann als Eintänzer auf Kreuzfahrtschiffen.

Oder sie stehen vor Kaufhäusern, beplappern unaufhörlich ein in ein weißes Taschentuch eingeschlagenes Mikrofon und verkloppen so Topfsets, Reinigungsmittel oder Küchengeräte „zu Messepreisen“.

Andere bedienen sich des „Enkeltricks“ und erleichtern leichtgläubige Rentner um beträchtliche Summen oder ziehen von Tür zu Tür und beteuern, gerade aus der Haft entlassen worden zu sein, um Leichtgläubige zum Abonnieren einer Zeitschrift zu bewegen.

Erreichen sie eine höhere Stufe, werden sie Immobilienmakler, Autoverkäufer, Staubsaugervertreter oder Moderatoren von Dauerwerbesendungen. Nicht wenige landen auch in der Politik, verharren allerdings in den meisten Parteien auf Kreistagsebene. Lediglich bei der AfD kann ihr Weg stracks in den Bundestag führen. Nur wenige schaffen es höher und werden zum Beispiel US-Präsident oder ein sonstiger Despot.

Solche Leute gibt es seit Jahrtausenden. Das war die ganze Zeit nicht schlimm, denn sie hatten ihren angestammten Platz in der Gesellschaft und bewegten sich in einem geschlossenen Kosmos. Ihre angestammten Talente waren für andere nicht erstrebenswert. Bis jetzt. Nun aber droht eine Wende.

Die heutige, moderne Leistungsgesellschaft nämlich sieht in solchen Fähigkeiten einen Wettbewerbsvorteil für jeden Einzelnen. Hinterfotzigkeit nennt man neuerdings Eloquenz. Leute, die mit allen und jedem gut können, sind keine Schleimer mehr, sondern gelten als „gut vernetzt“, Fortgeschrittene betreiben „Networking“.

Üben kann man den Weg dahin auf sogenannten Meet- and Greet-Veranstaltungen, organisiert von Wichtigtuern für Wichtigtuer. Dort lernt man: Zuerst in jeden verfügbaren Hintern kriechen und tief drinnen dann die Ellenbogen auspacken. So entstehen lauter kleine Arschlöcher.

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