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Langzeitbeobachtungen Die Wiederkehr des Gleichen

An allem, was sich regelmäßig vollzieht, interessieren die Abweichungen. Überlegungen anlässlich des alljährlichen Besuchs einer Pferdesport-Veranstaltung. Die Kolumne.

Pferderennen
Besucher beim Pferderennen. Foto: Rolf Oeser

Veranstaltungen, die man regelmäßig besucht, vermitteln stets auch die Illusion von Kontinuität. Schon wieder ein Jahr vergangen. Und doch vergewissert man sich im beiläufigen Gespräch des Eindrucks, es fühle sich an, als sei es erst gestern gewesen. Man ist gekommen, um Präsenz zu zeigen, doch in der Wahrnehmung der anderen ist man nur einer, der auch wieder da ist. Stammbesuchern der Bayreuther Festspiele muss es so ergehen, auf den Verlagsfesten der Frankfurter Buchmesse ist es ähnlich. Trampelpfade, Begrüßungsrituale – in der Feier des Neuen spiegelt sich die Wiederkehr des Gleichen.

Doch wenn diese Wiederkehr sich über einen Zeitraum von 30 Jahren und mehr erstreckt, wird ein Muster erkennbar und die Furchen, die die Zeit geschlagen hat, sind nicht mehr zu übersehen. Falten, Glatze, Bauch – im Beobachten der anderen kommt man nicht umhin, sich zur eigenen Erscheinung zu verhalten. 

Eine Feier der Vitalität

Dabei geht es, wie eine fortgesetzte Langzeitbeobachtung bei einem Berliner Pferdesportereignis im August bestätigt hat, um eine Feier der Vitalität. Die Frau im senffarbenen Sommerkleid hat noch immer den forschen Gang, allein ihr Ehemann wirkt ein wenig gebrechlich. Aber ist es nicht schön? Sie gehen Hand in Hand wie vor Jahrzehnten, als sie in freudiger Erwartung den Rennen entgegensahen, in denen sie die Pferde ihres Rennstalles laufen ließen.

Im Mittelpunkt des Geschehens wird der Sportsmann H. nach seinen früheren Heldentaten befragt, und obwohl er sich präzise und wohl artikuliert ausdrückt – geht er nicht schon auf die 90 zu? –, klingt in seiner Stimme ein Hauch von Resignation darüber an, dass es kaum noch Abnehmer für derlei Erzählungen gibt. Weiter zum nächsten, zwischen den Rennen ist nicht viel Zeit. 

Beobachtungen und Gedankenspiele  

Der Mann, der sich langsam auf uns zubewegt, geht am Stock. Früher hätte man ihn als korpulent bezeichnet, inzwischen haben sich seine Gelenke angesichts der Last seines Körpers ergeben. Zwei Hüftoperationen haben seine frühere Fröhlichkeit nicht genommen, obwohl der Gesichtsausdruck angestrengt wirkt.

Du erschrickst, als du in einem Passanten meinst, den Kollegen L. erblickt zu haben. Er kann es nicht sein, er hat sich vor zwei Jahren das Leben genommen, als er die Diagnose Krebs im Endstadium erhielt. Vermutlich wollte er so einem elendigen Siechtum entgehen. Einmal noch selbst entscheiden. Hier, so denkst du, würde es niemanden erstaunen, wenn er sich an den Tisch setzt und leise Hallo sagt.

Die Abweichungen sind interessant 

An allem, was sich regelmäßig vollzieht, interessieren die Abweichungen. Beim Einlass gibt es jetzt eine Taschenkontrolle. Die Veranstalter wittern Terrorgefahr, obwohl gerade hier niemand einen Anschlag erwartet. Aber besteht nicht gerade darin das perfide Kalkül?

Als du das erste Mal vor 34 Jahren hier warst, schienst du dein Glück kaum fassen können vor so viel Fremdheit gleich um die Ecke. Und? So fragst du dich noch immer, gehörst du jetzt dazu?

Die Jungen laufen von hier nach da, und weil es sich um eine Freiluftveranstaltung handelt, vermag man sich kaum ihrer aufdringlichen körperlichen Präsenz zu erwehren, die die Hitze mit sich bringt. Sie dürfen so sein. Wer weiß, ob sie nächstes Jahr wiederkommen.

Harry Nutt ist Autor.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

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