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Kreuz-Pflicht Markus Söder, der Oberpopulist

Die bayerische Kruzifix-Aktion versucht, ein Zeichen zu setzen. Eine Rolle rückwärts, mit der der Freistaat die katholische Religion nutzt wie ein Vereinswappen. Die Kolumne.

CSU
Markus Söder kann von Kreuzen nicht genug haben. Foto: dpa

Auf dieses Argument muss man erst mal kommen: Das christliche Kreuz, so posaunen es die Herolde des neuesten CSU-Projekts, sei in Wahrheit doch Symbol der Offenheit für alle Religionen. Wie schön. Eine der Weltreligionen soll dafür stehen, dass an alle gedacht sei, wenn an sie gedacht ist. 

Natürlich hat es in Wahrheit sehr profane Gründe, dass Bayerns neuer Oberpopulist in allen Amtsgebäuden christliche Kreuze am Eingang aufhängen lässt. Heimat-Kirche-Söder: Mit diesem Dreiklang soll wieder mal ein Stück Leitkultur definiert werden, mit Blick auf die Landtagswahl im Herbst zumal. Billiger geht’s nimmer, auf die AfD durch Anpassung zu reagieren, werden die CSU-Strategen sich gedacht haben. Teuer sind ein paar Kreuze ja nicht. Im Vergleich zu spürbaren Sozialprogrammen etwa.

Kirchenvertreter wenig beglückt

So weit, so durchsichtig. Aber auch so abgrundtief gedankenlos, wenn es um die wirklichen Fragen in der Gesellschaft geht. Selbst Kirchenvertreter wirken ja weniger beglückt als in Mithaftung genommen. Leicht pikiert treten sie auf, erinnern schüchtern ans Flüchtlingsthema. Es war ja noch nicht mal ihre eigene Forderung – aber Nein zu sagen, wenn das Kreuz der Christen zum allgemeinen Staatssymbol erklärt wird? Das wäre nötig, aber über-mutig, was Söder natürlich weiß.

Wobei diese Art der Verdrehung samt Mitnahme-Effekt durchaus weltweit zu den verbreiteten Techniken der Macht gehört. Überall zu finden, wo Weltanschauung benutzt wird, Zugehörigkeit zu definieren – und Ausgrenzung. Das Negativbild des Islam als besonders gewaltbereit, zu finden bei Donald Trump, ist ein Versuch solcher Ausgrenzung. 

Auch wenn – ein anderes Beispiel – harte Kritik an Israels Politik dort stets als antisemitisch eingeordnet wird, ist das zu billig. Sogar Israelhass und Antisemitismus sind nicht automatisch dasselbe, das darf selbst bei aller großen Solidarität mit widerwärtig angegriffenen Kippa-Trägern nicht vergessen werden. Gerade weil die rechte israelische Regierung es stets in einem Topf zusammenrührt.

Die bayerische Kruzifix-Aktion versucht letztlich, ein Kultursymbol zu setzen. Eine Rolle rückwärts, mit der ein Staat die katholische Religion nutzt wie ein Vereinswappen. Als Zeichen an alle, die sich ihm nähern. Und sehr einkalkuliert ist dabei die Aufregung der Gegenseite, der Aufschrei der Säkularen und der Kulturoffenen. Was dann wieder als Beleg dafür diffamiert werden wird, wie weit andere (Multikulti) die guten alten Werte schon vergessen hat. Bloße Stammwählersicherung soll es werden, wenn es funktioniert. 

Es ist nicht leicht, diese Debatte in der richtigen Tonlage und zugleich klar genug zu führen. Die Potentaten aller Länder legen es gerne darauf an, dass die Opposition (soweit nicht mundtot) sich isoliert. In der Türkei läuft dazu gerade ein Lehrstück ab. Aber noch lange ist München nicht Ankara, dem wird speziell ein Herr Söder zustimmen. Seine billige bayerische Symbolverordnung ist im Vergleich superharmlos, bei aller Chuzpe. Aber sie ist gedankenverwandt mit üblen Kulturverdrehern und Feinden der weltoffenen Demokratie. 

Deshalb bleibt nichts anderes übrig, als den Streit um den Kern der demokratischen Kultur und ihre Symbole immer neu zu führen. Aber sich dabei nicht das falsche Thema aufdrücken zu lassen: Der wahre Schwachpunkt der populistischen Rechten ist überall, dass sie spalten und nichts für die Zukunft beitragen.

Richard Meng freier Autor und Kuratoriumsvorsitzender der Karl-Gerold-Stiftung. 

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