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Kreuz-Debatte Was hat Söder als nächstes vor?

Der bayerische Ministerpräsident Söder hat bei seinem Kreuzzug ein paar Dinge vergessen, die man von jedem Pastor lernen kann. Die Kolumne.

CSU
Markus Söder kann von Kreuzen nicht genug haben. Foto: dpa

Zu meiner Konfirmation schenkte mir meine Mutter ein Kreuz. Es war ein silberner Anhänger für eine Halskette. Außerdem schenkte sie mir ein Gesangbuch und eine Bibel, um meinen Glauben zu stärken. Insgeheim hoffte sie, ich würde Pastor werden, obwohl ich schon damals einen anderen Plan hatte, denn ich stellte mir vor, Arzt im Dschungel zu sein, wie Albert Schweitzer.

Beide Pläne scheiterten, aber das Kreuz trug ich lange um den Hals, sogar noch als verpeilter Tunichtgut im Kreuzberg der 80er Jahre. Mein Freundeskreis hielt es für ein verwegenes Pop-Accessoire, auch Madonna hatte es ja mit den Kreuzen, tatsächlich aber ging ich hin und wieder in die Kirche, weil die wichtigen Dinge nur zwischen mir und Gott verhandelt werden konnten.

Abendland geht nicht im Kreuz auf

Um konfirmiert zu werden, musste man zwei Jahre zum Konfirmandenunterricht gehen. Dort lernte man alles, um ein Leben als anständiger Christenmensch führen zu können. Das Alte Testament mit der Schöpfungsgeschichte, die Propheten, die Psalmen. Das Neue Testament mit der Geschichte von Jesus Christus in vierfacher Ausfertigung: Markus, Lukas, Johannes, Matthäus. Außerdem die Liturgien und die Bedeutung des Kreuzes.

Es stehe, sagte unser Pastor, der ein strenger, aber auch verständnisvoller Mann war, erstens für den Opfertod von Jesus Christus (am Kreuz) und zweitens für den Bund zwischen dem Göttlichen (senkrecht) und dem Irdischen (waagerecht). Nicht gelehrt hat er uns, was Markus Söder und mit ihm die bayerische Regierung neuerdings behauptet, nämlich dass das Kreuz ein „sichtbares Bekenntnis zu den Grundwerten der Rechts- und Gesellschaftsordnung in Bayern“ sei oder ein „Symbol der Identität“.

Wahrscheinlich hätte unser Pastor damals die Augenbrauen hochgezogen und leise gefragt, ob sie keinen Religionsunterricht mehr haben in Bayern. Die abendländische Kultur geht auch nicht im Kreuz auf. Daneben gibt es auch noch Platon und Kant, das Grundgesetz und den Duden, Darwin und Euklid und ein paar jüdische und arabische Gelehrte, die geholfen haben, das abendländische Wissen über das Mittelalter zu retten, weshalb wir es uns heute gemütlich einrichten können im okzidentalen Eigenheim inklusive Zentralheizung, Waschmaschine und Rasenmäherroboter.

All diese Elemente aber lassen sich ebenso wenig unter das Kreuz subsumieren wie es von der Hand zu weisen ist, dass das Kreuz ein internationales Symbol ist und es Christen nicht nur in Bayern gibt. Sie leben auch in Ländern, bei deren Erwähnung Markus Söder wahrscheinlich eher an die beiden Wörter „Abschiebung“ und „beschleunigt“ denkt als an Nächstenliebe und Vergebung der Sünden.

Was mich aber besonders wurmt, ist der Umstand, dass ausgerechnet ich, ein wankelmütiger und zweifelhafter Geselle aus dem gottlosen Berlin, das christliche Kreuz gegen die Profanisierung durch einen bayerischen Ministerpräsidenten verteidige. Was hat er als nächstes vor? Klöster verstaatlichen und sie in Außenstellen der CSU verwandeln? Die Kirchensteuer abschaffen zugunsten einer Aufbau-Süd-Steuer im Zeichen des Kreuzes (Markus senkrecht, Bayern waagerecht)? Sie sollten in Bayern wirklich mehr für den Religionsunterricht tun.

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