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Krankheit Grippeglück

Eine Stadt ist krank, bis auf die paar Gesunden. Aber was tun die? Praktisch nur Gutes. Die Kolumne.

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Grippewelle 2018: Wie bei einer Zombie-Apokalypse. Foto: Imago

Endlich gab es in Berlin mal wieder ein gesellschaftliches Ereignis, das alle verband. Ein Massenevent, wie ich es seit dem WM-Sommer 2006 nicht mehr gesehen habe. Grippe 2018: Wir waren dabei!

Für ein paar Wochen wurde in der Stadt nicht mehr nur über Wetter und zu hohe Mieten, sondern über Krankenstand, Körpertemperatur und Keimabtötung gesprochen. Eigentlich mal eine willkommene Abwechslung. Aber weil ich mir nichts aus Großereignissen mache, flüchtete ich lieber nach Sizilien. Zu dieser Zeit kann man dort schon draußen in der Sonne sitzen, sich aber trotzdem noch die schönen Hotels leisten und sich so kurz wie eine Münchnerin oder eine Hamburgerin fühlen. 

Leider entpuppte sich mein Sicherheitsgefühl als trügerisch. Als der Husten begann, buchte ich mir schnell einen Flug nach Hause, um am Ende doch Teil der Berliner Krankengemeinde zu werden.

Und die war riesig. In meinem Freundeskreis gab es nur wenige, die es nicht erwischt hatte. Es war wie bei einer Zombie-Apokalypse. Eine große Horde tot aussehender Menschen, die schlecht rochen und sich ausgesprochen langsam bewegten, traf auf einen kleinen Rest, der verschont geblieben war. Nur, dass dieser uns in dem Fall zum Glück nicht mit Waffen und Flammenwerfern bekämpfte, sondern Suppe brachte. 

Mir wurde einmal mehr vor Augen geführt, wie hilfreich die städtische Infrastruktur ist. Man denkt dabei ja immer nur an Flughafen und U-Bahn, aber Städte bieten einfach noch so viel darüber hinaus. 

Berlin ist vielleicht deshalb Singlehauptstadt, weil man hier ohne Partner bei einer Erkrankung auch dann nicht verhungert, wenn man wie ich nur Licht im Kühlschrank hat (gäbe es ein Kochbuch „50 leckere Gerichte aus Butter und Senf“, ich würde es kaufen). Dank dieser Infrastruktur müssen wir hier uns nicht mit unpassenden Partnern zusammentun, nur um bei einer spontanen Grippeerkrankung unser Überleben zu sichern. Das ist ein riesiger Luxus, finde ich. Zumal unpassende Partner ebenso gefährlich werden können wie Influenza.

Stattdessen konnte ich mich jetzt auf die gefühlt 20 Prozent gesund gebliebenen Berlinerinnen und Berliner verlassen, von denen einige in leider viel zu schlecht bezahlten Dienstleistungsjobs für das Überleben der Gruppe sorgten. 

In den ersten Tagen mit dem höchsten Fieber ließ ich mir vietnamesische Suppe liefern. Als es mir ein bisschen besser ging und ich Appetit auf Frisches bekam, schrieb ich abends meiner Freundin, die gerade auf dem Weg zum Sport war. Aber kein Problem, der Supermarkt in unserer Nachbarschaft hat bis 24 Uhr geöffnet, sie könne also noch auf dem Heimweg für mich einkaufen. Da hatte ich allerdings schon einen Online-Supermarkt ausfindig gemacht, der mir innerhalb kürzester Zeit alles lieferte, was ich brauchte. 

Dazu kamen eine schnelle ärztliche Versorgung und das beruhigende Gefühl, dass es in der Berliner Innenstadt alle vier Meter eine Apotheke gibt. Das schaffen auch Grippepatientinnen. 
Ich bin jetzt so weit wiederhergestellt, dass ich mich selbst um meine Nahrungsversorgung kümmern kann. Aber ich bin wirklich froh zu wissen, dass ich mir hier notfalls auch so problemlos helfen lassen kann und hoffe sehr, dass an meinem Trinkgeld keine Influenzaviren klebten. Danke, Berlin!

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