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Kopftuchverbot Das Problem mit Kopftüchern

In der ideologisch aufgeheizten Verbotsdebatte gerät das Kindeswohl aus dem Blick. Doch das sollte eigentlich im Vordergrund stehen. Die Kolumne.

Frau mit Kopftuch
Dürfen Firmen Mitarbeiterinnen das Tragen des islamischen Kopftuchs untersagen? Es kommt darauf an, urteilt der Europäische Gerichtshof. Foto: Fredrik von Erichsen/dpa

Sie sei über jedes Mädchen froh, das ohne Kopftuch zum Unterricht komme, hat mir mal eine arabisch-israelische Schulleiterin aus Jerusalem erzählt. Sie selbst trägt ihr schulterlanges Haar offen, ihre Röcke enden knapp unterm Knie. Ihre Schülerinnen lieben sie, obwohl sie als Muslimin überhaupt nicht dem tradierten Frauenbild entspricht. „Wieso ziehen Sie keinen Hidschab an?“, wird sie öfter auf dem Schulhof gefragt. Weil das kein Muss sei im Islam, erwidert die Direktorin dann unumwunden. Weil jede frei entscheiden solle, ob sie den Kopf bedeckt oder nicht.

Einige der Mädchen mag das ermutigt haben, es ihr nachzutun. Wenn schließlich doch eine eines morgens in der Klasse mit Kopftuch sitze, empfindet die Lehrerin das als persönliche Niederlage.

In der arabischen Gesellschaft ist der Konformitätsdruck gewaltig, sich als Frau „anständig“ zu kleiden. In Ost-Jerusalemer Minibussen pappen bisweilen Aufkleber, was islamische Sittenwächter darunter verstehen: Unter dem Bildnis einer züchtig verhüllten Muslima findet sich ein grünes Häkchen, daneben durchkreuzt ein rotes Verbotsschild eine Gestalt mit deutlich weiblichen Konturen.

Den jüngsten Modetrend unter palästinensischen Teenagern hat das allerdings nicht stoppen können. Sie bevorzugen Röhrenjeans und figurbetonte Klamotten, im Kontrast dazu ein kunstvoll gestecktes Tuch auf dem Kopf. Letzteres trug auch eine vielleicht 16-Jährige, die mir jüngst auf der Straße begegnete. Ihr über den Busen gespanntes T-Shirt zierte eine aufgedruckte Lolita mit blonder Lockenmähne. Fast schon subversiv.

Dass rigide Vorschriften sich ins Gegenteil verkehren können, lässt sich auch unter streng frommen Jüdinnen in West-Jerusalem beobachten. Mit ihrer Heirat in meist jungem Alter sind sie gehalten, das Haupthaar als Ausdruck der Keuschheit zu scheren. Statt die Blöße mit einem im Nacken zusammengewickelten Tuch zu bedecken, ziehen viele eine Kunsthaarperücke vor – sehr zum Ärger ultraorthodoxer Rabbiner.

Nun zur deutschen Kopftuchdebatte, die sich am NRW-Vorstoß, muslimischen Mädchen unter 14 Jahren das Tragen eines Hidschab in der Schule zu verbieten, neu entzündet hat. Begründet wird die Initiative mit dem Kindeswohl.

Lieber nur mit Mütze statt Kopftuch

Aber genau das droht im ideologischen Streit unterzugehen. Mir jedenfalls tun verschleierte Zehnjährige leid, über deren Köpfe diverse Autoritätspersonen sich zu entscheiden anmaßen. Einmal die Eltern, die ihnen frühestmöglich islamisches Verhalten antrainieren wollen.

Denen wiederum bläuen religiöse Fundis ein, dass Mädchen bereits vor Eintritt in die Pubertät sexuelle Reize besäßen, vor denen die Männerwelt bewahrt werden müsse. Und jetzt fällt auch liberalen Politikern wie dem Integrationsminister in Düsseldorf nichts Besseres ein, als ein Machtwort zu sprechen. Solange ihr eure Kinder in unsere deutschen Schulen steckt, wird bis zu deren Eintritt ins religionsmündige Alter das Kopftuchtragen untersagt.

Manche stockkonservativen Familien schicken schon jetzt ihre Töchter lieber nur mit Mütze statt Kopftuch in die Schule, andere wappnen sich erst recht gegen westliche Einflüsse. Wie sollen Lehrer denen vermitteln, dass Kids, die mit Kreuzkettchen oder Kippa in die Grundschule spazieren, okay sind, Kopftücher aber draußen bleiben müssen? Wir wissen doch aus unserer Jugend: Was verboten ist, macht gerade scharf.

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