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Kolumne Ziemlich engste Verwandte

Was unterscheidet den Menschen vom Tier? Genetisch nicht viel. Und sonst? Die Kolumne.

Was trennt das Tier vom Menschen? Denkt man bei dieser tiefschürfenden Frage an einen Zoo, so fällt die Antwort leicht: Graben, Gitter, Glas. Ansonsten hat uns die Genetik in der jüngsten Vergangenheit hierzu einiges offenbart.

Nämlich, dass die Unterschiede quantitativ gesehen nicht sehr groß sind. Wir teilen fast 99 Prozent unseres Erbgutes mit den Schimpansen. Das ist immerhin (oder nur?) doppelt so viel, wie uns mit einer Banane eint. Das Gen, aus dem Mensch und Regenwurm ihren Darm bilden, ist das gleiche. Und alle Menschen haben, so unterschiedlich sie auch sein mögen, 99,5 Prozent aller Erbanlagen gleich.

Ein Rentierzüchter, ein Indianer, ein Börsianer, eine Kiez-Größe, ein afrikanischer Professor und ein Bauer aus Asien – alle engstens verwandt, höchstens 0,5 Prozent Unterschied im Erbgut. Das reicht, um uns als Individuen zu unterscheiden und dennoch als Menschen zu erkennen.

Dieser kleine Unterschied genügt sogar Professor Börne und Frau Haller, um exakt zu bestimmen, wer der Mörder ist. Mit manchen Menschen möchte man eigentlich gar nicht nahe verwandt sein, da steht einem der eigene Hund mitunter näher, emotional gesehen, nicht genetisch.

Dass uns die Beherrschung des Feuers zu eigen ist, galt lange als ein trennendes Merkmal zwischen Tier und Mensch. Gerade in der Grillsaison rütteln Meldungen über schwerste Verbrennungen durch unsachgemäßen Umgang mit Spiritus allerdings an diesem Glauben.

Oft hat man den Eindruck, auch unser Schwarmverhalten sei dem von Tieren unterlegen. Die geheimnisvoll gesteuerten Richtungsumschwünge eines Starenschwarmes, wenn ein Falke sich nähert, gleichen den harmonischen Unterwasserbildern eines Fischschwarmes beim Angriff eines Haies. Schwarmbildung schützt vor Angreifern. Wer gibt den Ton an, wie koordiniert sich ein Schwarm von Kaulquappen?

Schwarmintelligenz gilt als die Weisheit der vielen, die sich zusammentun, um eine Situation besser zu beherrschen, um ein Problem geschickter zu lösen. Stimmt für Stare, Kaulquappen und Fische uneingeschränkt, für Menschen mitunter nur mit erheblichen Einschränkungen.

Die Lenkung menschlicher Schwarmphänomene bedarf oft äußerer Hilfestellungen. Polizeigitter bei Jubelfeiern von Fußballmeistern und royalen Hochzeiten, Streckenposten bei Marathonläufen, nicht zuletzt Staumeldungen und Umleitungsempfehlungen für ebenso sonnenhungrige wie genervte Autobahnnutzer scheinen unverzichtbar, um Menschenschwärme zu lenken.

Schwärmende Tiere brauchen all das nicht. Insbesondere läuft tierisches Schwarmverhalten immer ohne Rüpeleien und Bengalos ab. Man könnte den Eindruck bekommen, ein Schuss Adrenalin treibe uns schnell an die Grenzen unserer Schwarmintelligenz.

Was also unterscheidet Tier und Mensch wirklich? Offenbar taugt der Schwarmvergleich nicht, um das (zu unseren Gunsten!) zu entscheiden. Hilft die Frage, worüber Tier und Mensch jeweils ins Schwärmen geraten?

Schwärmen können wir, und nur wir. Ein 3:1 Sieg in Berlin, ein junges Prinzenpaar in der Kutsche, Omas Kartoffelklöße, wir alle schwärmen, aber halt nicht für das Gleiche. Immerhin unterscheiden wir uns ja um ein paar winzige Stellen hinter dem Komma. Schimpansen lässt all das ziemlich kalt. Vielleicht ist es viel spannender herauszufinden, was Mensch und Tier gemeinsam haben, als was sie trennt.

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