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Kolumne Zehn Cent pro Blatt Toilettenpapier

Schulen werde nicht konsequent genug bewirtschaftet. Die Ökonomisierung des Daseins schreitet voran.

Der Schulranzen meiner jüngeren Tochter ist, seit sie ins Gymnasium geht, so schwer, dass das Halswirbelsyndrom quasi schon mit im Stundenplan stand. Glücklicherweise gibt es Schränke in der Schule, die die Kinder jetzt, in der vierten Unterrichtswoche, zur Miete angeboten bekamen. Gegen zehn Euro Kaution und einen Jahresbeitrag von fünf Euro können die Bücher, die man nicht für die Hausaufgaben braucht, eingeschlossen werden.

Da sind wir günstig weggekommen. In anderen Schulen ist die Spindvermietung Sache externer Betreiber und man ist mit etwa 50 Euro für Miete und Kaution dabei. Im Gymnasium meiner älteren Tochter hat einmal eine Schulspind-Vertreterin erwirkt, in einer Gesamtelternversammlung vorsprechen zu dürfen, und ein konkurrierender Branchenkollege war ihr buchstäblich gefolgt und wollte kurz vor ihr schnell das Wort ergreifen, wurde aber vom Rektor hinausgeworfen. So hart umkämpft ist dieser Markt!

Sowieso ist die Idee der Schulraumbewirtschaftung ausbaufähig. Beispielsweise könnte das Toilettenpapier nur gegen Zahlung von zehn Cent pro Blatt ausgegeben werden, das hätte durchaus Vorteile wie jeder weiß, der Schultoiletten kennt. Auf die Klassenarbeiten ließe sich eine Schutzgebühr von einem Euro erheben. Und die Fahrradständer muss man Schülern ja auch nicht umsonst überlassen.

Der Ökonomisierung des Daseins sind wirklich keine Grenzen gesetzt. Neulich sah ich an einem Ampelpfosten die Eigenwerbung einer Putzkraft, die einen Preisnachlass von zehn Euro auf den ersten Einsatz zu gewähren versprach: „Geben Sie den Gutscheincode TANJA ein.“ Seitdem frage ich mich, wo dieser Code wohl einzugeben wäre. Auf dem Display ihres vollautomatischen Staubsaugers? Oder in einer Tanja-App, über die man die Termine bucht und abrechnet?

Zweifellos steht die face-to-face-Kommunikation nicht gerade hoch im Kurs. Statt dessen gilt es als besonderer Service, wenn die Kunden alles selbst machen müssen, bis hin zum Scannen der Ware an der Kasse wie bei Ikea. Was mir persönlich übrigens Spaß macht. Jeder Piepser an einer der blau-gelben „Schnellkassen“ ist ein Triumph über die fehlende Scannerkasse in meinem Kaufmannsladen von damals.

Sowieso funktioniert die SB-Kultur, deren zeitgeistige Krönung die Apps sind, nur deswegen so gut, weil damit das Kind im Kunden angesprochen wird. Mit dem Finger auf dem Screen darf man endlich alles selber sein und sofort haben – als Schaffnerin, Gastronomin oder Designerin.

Nicht dass ich in meiner Studentinnenzeit viel ausgelassen hätte: vom Küchendienst im Axel Springer-Haus über Geflügelsonderverkäufe bis zum Übersetzen von Produktinformationen bei Schering habe ich eine Menge Jobs gemacht, die mich später, als taz-Redakteurin erröten ließen. Aber es schwelen im Herzen doch stets weitere Daseinswünsche. Und dass die Verwirklichung von Träumen einen Preis hat, ist ja sowieso ein Grundkonsens der hiesigen Wertewelt. Wohl deswegen ist der Widerstand gegen das Datengeschäft von Whatsapp und Facebook auch so gering. Tief im Innern sind die Nutzer damit einverstanden, dass sie einen Beitrag zum Gelingen des Projektes leisten müssen. Anteil an Zuckerbergs Milliarden zu haben, ohne aktiv in die Tasche greifen zu müssen, ist offenbar Geschenk genug.

Petra Kohse ist Autorin.

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