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Kolumne Wenn Kriegsängste wachsen

Was antwortet man, wenn ein Kind fragt: „Gibt es bald einen neuen Weltkrieg?“

Berlin ist ein Traum in diesem Mai. Der Himmel ist blau, die Luft lau und das seit Wochen. Was dem urbanen Selbstverständnis von leben und leben lassen zugute kommt. Behutsam bugsiere ich den ins Wohnzimmer gekrabbelten Marienkäfer raus auf den Blumenkasten mit den Margeriten. 

Okay, die Invasion der Birkenwanzen war schon eine Herausforderung. Die saßen urplötzlich in Kompaniestärke auf den Vorhängen, ein Vorstoßtrupp erkundete bereits die Küche. Der Staubwedel erwies sich zum Glück bei meinen Gegenmaßnahmen als ausreichend hilfreich. 

Die Tierchen klammern sich an dem Plastikflausch fest, ich schüttele ihn sanft über der Balkonbrüstung aus, so dass sie eine Chance haben, sich an den Ulmen vor dem Haus, die eine Birkenwanze auch mag, gütlich zu tun. Wenn die Weltpolitik verrückt spielt, wächst mein Bedürfnis, mich so friedfertig wie möglich zu verhalten. 

Sie passen nicht zur allgemeinen Sommerlaune, aber unterschwellig sind sie da, die Ängste vor einem Krieg, der auch Europa nicht außen vorlässt. Unversehens poppen sie in Unterhaltungen auf, etwa in der Art: Man befürchte, die selbstverliebten Machthaber in Washington und Pjöngjang könnten ihren riskanten Nuklearpoker überreizen. Nicht weniger Unheil drohe im Nahen Osten. 

Was, wenn der Irandeal kollabiere, nicht aber das Mullahregime, dessen Hardliner mit einer Wiederaufnahme der Urananreicherung liebäugeln? Sieht ja nicht danach aus, als ob die strategischen Wunschdenker, die alles auf eine Karte setzen, mit neuen Sanktionen einen Machtwechsel in Teheran zu erzwingen, noch einen Plan B jenseits militärischer Optionen im Köcher haben.

Unlängst hat mir ein Zehnjähriger, ein aufgewecktes Kerlchen aus dem Berliner Teil meiner Patchwork-Familie, beim Abendessen die direkte Frage gestellt: „Glaubst du, es gibt einen neuen Weltkrieg?“ „Wo hast du denn das gehört?“, gab ich perplex zurück, um Zeit für eine pädagogisch angemessene Antwort zu gewinnen. 

In der Schule hätten sie darüber geredet, erwiderte das Kind. Der Vater seines Freundes habe sogar gesagt, der dritte Weltkrieg sei eigentlich schon da, seitdem irgendwo in Amerika mal Flugzeuge in Hochhäuser gerast seien. 

Ja, es sind schlimme Sachen passiert, auch in Europa, sage ich. Aber zu einem echten Weltkrieg werde es wohl nicht kommen. „Sagt meine Lehrerin auch“, meinte der Junge, und wir machten uns über den Nachtisch her.

Die Sache mit dem Rüstungswahnsinn – die Staaten gaben weltweit nach Angaben der Sipri-Friedensforscher 2017 über 1,4 Billionen Euro aus – behielt ich lieber für mich. Auch, dass die Entscheider über Krieg oder Frieden wie Trump, Putin, Kim Jong Un, Chamenei und Assad nicht gerade vertrauenerweckende Gestalten sind. Nicht zu vergessen Netanjahu, der zwar zu den Klügeren zählt, aber im Irankonflikt ebenfalls ein diplomatisches Vabanquespiel betreibt. 

Rettung lauert überall, heißt ein Wahlspruch von „medico international“, der Hilfsorganisation, die gerade ihr fünfzigjähriges Bestehen feiert. Bange machen gilt nicht. Tu was! Draußen donnert’s unvermittelt. Leider fällt mir nicht mehr ein, als mich an die Hoffnung zu klammern, quasi wie die letzte Birkenwanze an die Gardine, dass sich das gefährliche Grollen der politischen Großwetterlage am Ende als Bluff erweist. Weil, wie es eine Freundin in Israel sarkastisch ausdrückte, „Kriege einem ganz schön den Sommer vermasseln können.“

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