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Kolumne Wenn es schon Steglitz trifft

In Berlin steigen die Mieten ganz von allein ins Unermessliche, da braucht es noch nicht mal mehr die Gentrifizierung.

Weil ich in Gesundbrunnen wohne, werde ich hin und wieder gefragt, ob denn jetzt nun endlich mal der Wedding komme. Das ist immer ein Hinweis darauf, dass der Fragende seit längerer Zeit offensichtlich wenig mit Berlin zu tun hatte. Allerdings nicht, weil Gesundbrunnen seit 2001 nicht mehr zu Wedding, sondern als eigenständiger Ortsteil zum Bezirk Mitte gehört. Das ist nicht weiter wichtig. Außer für Makler, die Moabit seitdem konsequent „authentisches Mitte“ nennen, haben sich die neuen Bezirksnamen noch immer nicht wirklich durchgesetzt. 
Nein, die Frage, ob der Wedding jetzt endlich mal komme, stammt aus einer Zeit, in der man noch dachte, gewisse Stadtteile müssten sich zunächst entwickeln, um für Wohnungssuchende attraktiv zu werden.

Früher lief es ja so ab, dass zunächst junge Leute, Studierende oder Kunstschaffende in günstige und weniger beliebte Kieze zogen und diese durch Kneipen, Galerien und Clubs auch für zahlungskräftigeres Klientel attraktiv machten. Das zog dann wiederum Investoren nach sich, die dort Immobilien kauften und nach aufwendiger Sanierung teuer vermieteten. Durch die gestiegenen Mietpreise wurden ärmere Einwohner nach und nach verdrängt. Auf diese Weise veränderte sich der Charakter ganzer Stadtteile.

Diesen Prozess nennt man Gentrifizierung. An seinem Ende steht so etwas wie ein Prenzlauer Berg, bei dem Menschen unter 30 automatisch einschlafen, sobald sie die Bezirksgrenze überschritten haben.

Im Wedding zahlt man jetzt bei Neuvermietungen in der Regel schon deutlich über zehn Euro kalt pro Quadratmeter, aber nicht, weil es die urbane Elite da nun wirklich hinzieht. Restaurants ohne laminierte Speisekarte sind dort immer noch in der Minderheit. 

Die Entwicklung verläuft also augenscheinlich nicht mehr so wie früher. Der Berliner Wohnungsmangel wertet die Bezirke einfach von ganz alleine auf. Dafür müssen sie nicht mal mehr angesagt sein, wie früher Neukölln oder Kreuzberg. Und selbst Luxussanierungen braucht man nicht mehr, um hohe Mietpreise aufzurufen. Ein Freund erzählte mir gerade, dass seine Bekannte ihre Zwei-Zimmer-Wohnung in Steglitz vermieten wollte.

Nachdem sich über 1200 Interessenten bei ihr meldeten, löschte sie überfordert die Anzeige. Nichts gegen Steglitz, aber wer hätte bis vor kurzem noch gedacht, dass es 1200 Menschen gibt, die da gerne hinziehen möchten? Ein anderer Freund, seit längerem auf Wohnungssuche in den üblichen coolen Innenstadtbezirken, bemerkte jetzt, dass Friedenau ja auch sehr schön sei.
Da der Berliner Senat bekanntlich seit ungefähr immer unter gewissen Imageproblemen leidet, würde ich ihm an dieser Stelle helfend zur Seite springen und kostenlos eine PR-Idee anbieten: Die Stadt könnte sich glatt damit brüsten, die Gentrifizierung in weiten Teilen gestoppt zu haben. Berlin wurde einfach so schnell so teuer, dass vorher gar keine Zeit blieb, Bezirke durch kulturelle Aktivitäten junger Leute zu verändern.

Alles bleibt erstmal, wie es ist: Käffchen statt Cold Brew Coffee, weil man sich letzteren als junger Kunstschaffender in Berlin eh nicht mehr leisten kann. Der Wedding bleibt wild und Steglitz bleibt, äh, Steglitz. Nur eben viel teurer. Aber vielleicht irre ich mich ja auch und Steglitz ist jetzt im Kommen.

Katja Berlin ist Autorin.

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