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Kolumne Wenn der Winter kommt

Kennen Sie den Unterschied zwischen dem Sommerberliner und dem Winterberliner? Er ist beträchtlich.

Der Berliner ist vergleichsweise unglücklich. Das jedenfalls sagt der „Glücksatlas“, eine repräsentative Studie im Auftrag der Deutschen Post. Diese misst die subjektive Lebenszufriedenheit der Deutschen, um die es gar nicht so schlecht bestellt ist. Berlin belegt bundesweit allerdings nur Platz 15 von 19 untersuchten Regionen. In der Altersgruppe zwischen 35 und 65 Jahren sind Berliner sogar die unzufriedensten Menschen in ganz Deutschland.

Wichtige Zufriedenheitsfaktoren seien Geld und eine stabile Partnerschaft, heißt es. Klar, Geld allein macht nicht glücklich, aber eine schöne Wohnung und ein passabler Job schaden wahrscheinlich auch nicht. Beides findet man anderenorts leichter. Und dann ist Berlin ja auch noch die Singlehauptstadt. Fahrradfahren ist hier häufig die einzige Gelegenheit, zu der man hübsche Unterwäsche trägt für den Fall, dass man wegen eines Unfalls ins Krankenhaus muss.

Die Studie unterscheidet zwar nach Geschlecht und Alter der Befragten, aber unterschlägt einen Aspekt, der für Berlin meiner Meinung nach eine wesentliche Rolle spielt: der genaue Zeitpunkt, an dem die Daten erhoben wurden.

Es gibt nämlich zwei Sorten von Berlinern. Sommerberliner sind glückliche Wesen. Sie sitzen bis tief in die Nacht mit Bier vor Spätis, trinken Cocktails auf Dachterrassen, knutschen am Spreeufer oder schippern nackig über den Müggelsee. Um sie müssen wir uns keine Sorgen machen. 
Die Zeitumstellung hat nun aber den Beginn der anderen Jahreshälfte eingeläutet. Der Berliner Winter kommt. Er ist ein bisschen so wie der Winter in der Fernsehserie Game of Thrones: unwirtlich, lang und voll gruseliger Gestalten. Nur mit weniger Sex.

Winterberliner sind das genaue Gegenteil der Sommerberliner. Graue, traurige Menschen in Funktionsjacken, die durch zugige U-Bahnhöfe eilen, um sich beim Hausarzt eine Krankschreibung zu holen. Ihre Gemütsverfassung ist in der Tat bedenklich.

Der Winterberliner flirtet nicht, er lacht nicht und er verlässt seine Wohnung abends ausschließlich, wenn nichts im Fernsehen kommt. Dann sitzt er in verrauchten Kneipen und lässt sich von seinem Gegenüber stundenlang erzählen, dass der ja wirklich vorhatte, diesen Winter woanders zu verbringen. Vielleicht in Thailand oder in Vietnam, da solle es ja auch schön sein.

Nach einem Bierchen zu viel zieht sich der Winterberliner seine drei Kleidungsschichten an, setzt die Mütze auf (es sei denn, er ist ein junger Mensch, die setzen ihre Mütze ja gar nicht erst ab) und geht zurück in seine kalte Altbauwohnung, in der niemand auf ihn wartet. Sobald die Tage am kürzesten sind, besucht er dann noch einmal den Weihnachtsmarkt auf dem Alexanderplatz, der ihm den letzten Rest Lebensfreude raubt. 

Wenn ihn nun jemand vom „Glücksatlas“ anruft und nach seinem Befinden fragt, wundert mich das Ergebnis überhaupt nicht. Sollte die Umfrage aber wider Erwarten im Sommer erfolgt sein, dann erstaunt es mich schon. 

Nur so als Idee, weil die Studie ja von der Post in Auftrag gegeben wurde: Müsste man in innerstädtischen Postfilialen nicht jedes Mal 30 Minuten in der Schlange stehen, um eine Briefsendung abzuholen, könnte die Zufriedenheit der Berliner eventuell um ein paar Pünktchen nach oben gehen – auch ohne neuen Partner.

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