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Kolumne Was ist eine echte Berlinerin?

Muss man über alle Neulinge meckern? Darf man den eigenen Kiez nie verlassen? Lauter so Fragen.

Ich könne doch gut eine Kolumne über Berlin schreiben, sagte meine Freundin. Immerhin sei ich hier geboren und somit eine echte Berlinerin. Einmal abgesehen davon, dass Außenstehende oft einen besseren Blick auf Dinge haben, hadere ich mit der exklusiven Definition von „echte Berlinerin“. Ist der Geburtsort dafür wirklich das einzig Entscheidende? Sollten wir die Kriterien dafür nicht ein bisschen berlingerechter gestalten?

Hier ist es doch egal, wo du aufgewachsen bist, solange du den Leuten nicht auf den Keks gehst. Okay, manchmal fragen sie dich: „Alter, wo kommst du denn her?!“ Aber meistens sind sie doch an der Antwort gar nicht so sehr interessiert.

Ich plädiere deshalb dafür, zwei andere Eigenschaften heranzuziehen, um echte Berliner zu definieren. Erstens, wenn Leute nicht mehr freiwillig ihren Kiez verlassen und zweitens, wenn sie über alle motzen, die nach ihnen in die Stadt gezogen sind.

Neuberliner erkunden in der Regel erst ausgiebig die Millionenstadt, um sich dann in ihrer Kiezkneipe zu verpuppen. Am Ende werden sie ein wütender Schmetterling, der darüber meckert, wie sehr die Neuankömmlinge die Stadt ruinieren. Berlin war bekanntlich früher besser und mit früher kann auch 2016 gemeint sein.

Die neu Zugezogenen verdrängen viele Alteingesessene auf dem Wohnungsmarkt, was das Verhältnis natürlich nicht verbessert. Die gleiche Menge Menschen, die früher zur Love Parade durch den Tiergarten tanzte, sieht man heute bei 3-Zimmer-Altbau-unter-13-Euro-den-Quadratmeter-Wohnungsbesichtigungen.

Deshalb sind Touristen (d. h. alle, die noch nicht so lange hier wohnen wie man selbst) quasi Fressfeinde. Ihretwegen verbringen wir im Schnitt fünf Monate unseres Lebens mit Gesprächen über Mietpreise. Zeit, die wir vielleicht lieber mit Gemotze über die unzuverlässige S-Bahn oder den scheußlichen Hauptbahnhof verbracht hätten.

Die Ursachen müsste man aber eher in der Politik als in Kreuzberger Kaffeeläden suchen. Wir brauchen nicht weniger Leute, sondern eben mehr bezahlbare Wohnungen. Die Stadt ist ja gerade so attraktiv, weil schon immer viele herzogen und Neues brachten. Würde Berlin sich nicht verändern, hieße es München. Und wer Veränderung nicht mag, kann ja immer noch nach Reinickendorf ziehen.

Viele meiner Freundinnen und Freunde sind zugezogene Schwaben. Auch wenn sie steif und fest behaupten, sie kämen aus Hessen. Gibt es noch Freundeskreise mit ausschließlich gebürtigen Berlinern außerhalb der Ostkurve?

Und wenn wir uns den gastronomischen Bereich ansehen, müssen wir für die Entwicklung doch auch ein bisschen dankbar sein. Mittlerweile bekommt man tatsächlich hier und da gutes Essen in Berlin. Wer hätte vor ein paar Jahren gedacht, dass man irgendwann mal in Neukölln einen Wein für 4,50 Euro bekommt? Und dann auch noch pro Glas und nicht pro Flasche.

Ich versuche deshalb zukünftig, mich nur noch über den wirklich grauenhaften Hauptbahnhof und nicht mehr über Zugezogene aufzuregen. Vielleicht reicht das ja auch schon, um eine echte Berlinerin zu sein. Man muss schließlich mal neue Wege gehen. Am Ende verlasse ich sogar irgendwann meinen Kiez einfach mal so und nicht nur, weil ich zu Ikea muss. Gibt es eigentlich Wilmersdorf noch?

Katja Berlin ist Autorin.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

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