Lade Inhalte...

Kolumne Vom Narzissmus loskommen

Wir sollten weniger darüber klagen, dass wir von Narzissten regiert werden, sondern darüber nachdenken, wie wir uns von dieser Denkweise befreien.

Wir alle träumen von einer Welt, in der es kein Unrecht gibt. Aber ist diese Welt möglich? Würden wir sie wollen, wenn es sie gäbe? Immanuel Kant hat in seinem philosophischen System aus guten Gründen unterschieden zwischen den Interessen des Einzelnen und der allgemeinen Gerechtigkeit.

Ein Staat, der Gerechtigkeit schaffen möchte, muss das Kunststück vollbringen, zwischen den widerstreitenden Interessen der Individuen auszugleichen. Das schließt auch die Notwendigkeit ein, einen allgemeinen Begriff der Gerechtigkeit zu definieren, der leitend wird für das staatliche Handeln. Und es versteht sich, dass dieser Begriff mit den egoistischen Zielsetzungen des Einzelnen nicht immer zur Deckung kommt.

Wer soziale Gerechtigkeit durch den Staat verbürgt sehen will, sollte daher wissen, dass er mit seinen Einzelinteressen hinter dem großen Ganzen zurückstehen muss. Nicht nur hier tritt ein Gegensatz zwischen staatlichem Handeln und individuellen Wünschen auf. Er bildet eine wesentliche Quelle für die Politikverdrossenheit vieler Menschen. Ihr Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass die Politik die eigenen Bedürfnisse nicht befriedigt, wohl aber die anderer.

Je nach Standpunkt sind das beispielsweise die Reichen, die Männer, die Beamten, die Rentner, die sozial Schwachen, die Frauen oder die Geflüchteten. Was in wachsendem Maße verlorengeht, ist das Verständnis dafür, dass politisches Handeln bestenfalls einen Ausgleich, niemals aber die vollkommene Befriedigung aller verschiedenen Interessen sicherstellen kann. Der schwierige Prozess der bundesdeutschen Regierungsbildung spiegelt dieses Dilemma zurzeit exemplarisch wider.

Die Unzufriedenheit mit den Entscheidungen der Politik ist groß, weil die Bereitschaft sinkt, das Phänomen des Interessengegensatzes wahrzunehmen. Ein durchgreifender Narzissmus bestimmt viele Menschen, unabhängig von Bildungsgrad und gesellschaftlichem Status. Er bekundet sich in den Sozialen Medien, in Formen permanenter Selbstinszenierung und Akten gesteigerter Selbstbezogenheit.

Die Politik wird dafür getadelt, dass sie gerade nicht „mich“ und „meine“ Interessen ernst nimmt, sondern die einer ganz anderen Gruppe. Sie wird dafür kritisiert, dass sie Abwägungen vornimmt und keinen Vorrang „meiner“ eigenen Bedürfnisse und Erwartungen akzeptiert. So wie viele ihr Leben verstärkt in Ich-Inszenierungen medialer Art leben, so setzen sie auch sich selbst als absoluten Maßstab für das, was eine gerechte Politik anstreben sollte. Der Narzissmus wird zum Bezugspunkt für die Bewertung gesellschaftlicher Errungenschaften und die Leistungen oder Fehler der politisch Verantwortlichen.

US-Psychiater haben Donald Trump in einer nicht unproblematischen, weil aus der Ferne getroffenen Diagnose, massiven Narzissmus bescheinigt. Unabhängig von den klinischen Dimensionen eines solchen Befunds wird niemand in Frage stellen, dass den US-Präsidenten eine extreme Selbstbezogenheit kennzeichnet. Sie ist aber kein psychologisches Sonderphänomen, sondern spiegelt eine Tendenz der modernen Gesellschaft: den Hang zur absoluten Überhöhung der eigenen, sehr egoistischen Ansprüche. Wir sollten also weniger über die Tatsache klagen, dass Narzissten uns regieren, als vielmehr darüber nachdenken, wie wir vom Narzissmus loskommen, der uns regiert.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen