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Kolumne Verschwörungstheorie Rassismus

Wahrscheinlich ist Alexander Gauland ein Reptiloid. Sie wissen nicht, was das ist? Dann haben Sie mal wieder eine Verschwörungstheorie der Woche verpasst. Die Kolumne.

Haben wir es hier mit einem Reptil oder einem Reptiloiden zu tun? Foto: imago/blickwinkel

In einer angesagten Bar in New York finden seit vielen Jahren Lesungen von Autoren statt. Der Moderator stellt die Künstler vor und überlässt ihnen dann das Podium. Doch bevor er das tut, bittet er noch den Barkeeper zu sich. Deniz, der schon vielerlei konsumiert hat, nicht nur Alkohol, setzt sich bedächtig, dann kommt die Frage an ihn: „Was ist deine Verschwörungstheorie der Woche?“

Als ich dabei war, erzählte Deniz von den Chemtrails. Das sind die Kondensstreifen, die Flugzeuge am Himmel hinterlassen. Deniz sagte, alle Flugzeuge würden heute auf Befehl der US-Regierung mit einem chemischen Stoff ausgestattet, der in die Luft abgelassen wird. Dadurch gelinge es, die Menschen in ihren Gedanken zu manipulieren. Das Kichern des Publikums wertet er als Beweis, dass die Literaturliebhaber von dem Antiwahrheitsgas schon ganz bedröhnt seien. Weshalb er allein die Wahrheit zu sehen in der Lage ist, blieb an diesem Abend sein Geheimnis.

Verschwörungstheorien sind sehr witzig. Über Reptiloiden zum Beispiel – das sind sowas wie gut getarnte Reptilien. Sie leben in der Hohlerde, behaupten einige. Sie sind wie Juden, wollen wie die Illuminaten die Menschen durch Gedankenkontrolle und Manipulation versklaven. Einige tarnen sich zu diesem Zweck als Politiker oder Fußballer. Ein Krieg mit ihnen steht unmittelbar bevor. Wie einst die Juden sollte man sie beizeiten vernichten.

Einige der Verschwörungstheoretiker halten die Erde für eine Scheibe, und andere wissen von den Hohlräumen. Der Leitsatz meines Lieblingsverschwörungstheoretikers Dr. Axel Stoll, der bis zu seinem Tod regelmäßig Pressekonferenzen gab, war: „Muss man wissen!“. Er hatte sie alle: Nazi-Ufos, Strahlenwaffen, russische Panzer, die 300 Kilometer in der Stunde fahren können, Hitler am Nordpol und natürlich Chemtrails.

Andere Verschwörungstheorien sind weniger bizarr, dafür aber weiter verbreitet. Zum Beispiel Theorien über die Pharmaindustrie und die Schäden, die entstehen können, wenn Kinder geimpft werden. Oder über die Zentralbanken, in denen superreiche Leute mit jüdischen Namen sitzen, die bis ins Detail die Neue Weltordnung planen.

Damit diese Welt nicht die Wahrheit erkenne, dass der 11. September 2001 von zionistischen Geheimdiensten durchgeführt wurde, entwickeln durchtriebene Kapitalisten alle möglichen Dinge. Geheime Algorithmen in den sozialen Netzwerken gehören dazu, die User im Netz politisch umkrempeln. Von da ist es nicht weit zur „Lügenpresse“, die jeden Morgen instruiert wird, was sie schreiben darf und was nicht. Weder existiert demnach die Bundesrepublik, noch ist sie frei, sondern ein besetztes Land in den Händen reicher Amerikaner und Juden, was ja eigentlich dasselbe ist.

Rassismus ist im Grunde auch nichts anderes als eine Verschwörungstheorie, nach der Fähigkeiten und Eigenschaften von Menschen je nach Hautfarbe unterschiedlich verteilt sind. Wir sollten uns also nicht wundern, wenn sich herausstellte, dass Fußballer auch Reptiloiden sein können. Wahrscheinlich trifft das aber eher auf einen Mann namens Alexander Gauland zu. Er hat, wenn man nur ganz genau hinschaut, Schuppen und Echsenaugen.

Das wäre jetzt meine Verschwörungstheorie der Woche. Tja, muss man wissen!

Anetta Kahane ist Vorsitzende der Amadeu-Antonio-Stiftung.

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