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Kolumne Verpackungsmüll mit Essen

Es gibt immer mehr Lieferdienste. Aber bringt es der Bringdienst überhaupt? Die Kolumne.

Lieferdienste
Lieferanten sind häufig auf dem Fahrrad unterwegs. Foto: imago

Eigentlich könnte das ja praktisch sein. Und nicht nur das. Die Vorstellung trägt sogar märchenhafte Züge: „Tischlein deck’ Dich“ für alle! Einige Zeitgenossen kennen das aus WG-Zeiten. Für sie füllte sich regelmäßig wie von Zauberhand der Kühlschrank, so dass sie ihn nachts wieder leerfressen konnten. Tags drauf behaupteten sie, nicht zu wissen, wer das schon wieder gemacht habe – und zwar ohne zu lügen. Hatten sie sich doch so den Schädel vollgekifft, dass eine Erinnerung dort tatsächlich keinen Platz mehr fand.

Oder mein Freund Jürgen. Der hatte sich vor einigen Jahren volltrunkenen Zustands nachts zwei Wurstbrote gemacht und auf seinen Nachttisch gestellt. Dann aber fiel er in einen tiefen Schlaf – und freute sich nach dem Aufwachen königlich, dass ihm jemand ein Frühstück ans Bett gebracht hat.

„Essen“-Lieferdienste verzeichnen prächtige Wachstumsquoten

Doch muss man immer zu berauschenden Mitteln greifen, dass einem so viel Gutes widerfährt? Nun ja. Sagen wir mal, viele Mitbürger meinen, das auch nüchtern zu können. Jedenfalls gelingt ihnen das fast. Sie klicken ein wenig im Netz herum, und einige Zeit später schellt ein abgehetzter Geselle an ihrer Tür und händigt ihnen einen Haufen Verpackungsmüll aus. Tief innendrin verbirgt sich dann tatsächlich so etwas wie „Essen“, jedenfalls wenn man einen halbwarmen, nach Pappkarton schmeckenden Teigklumpen als „Pizza“ bezeichnen möchte. Sei’s drum.

Die „Essen“-Lieferdienste verzeichnen prächtige Wachstumsquoten. Immer mehr Lokale sind sich nicht zu schade, ihren guten Ruf zu ruinieren, indem sie ihre Spezialitäten in Aluschalen klatschen und durch die halbe Stadt gondeln lassen. Gut, viele sogenannte Speisen könnte man um die halbe Welt transportieren, ohne auch nur einen Hauch an Qualitätsverlust zu verzeichnen. Denn wo keine Güte vorhanden, da kann auch keine verlorengehen.

Beliebte Einkaufs-Bringdienste

Doch mittlerweile werden nicht mehr nur frittierte Presshuhnbatzen, Maismatschfladen oder als „pulled“ angepriesene, hoffnungslos übergarte Fleischfetzen durch die Gegend kutschiert, man kann sich auch Fischsuppen bringen lassen, Entrecôtes oder nun bald wieder ganze gebratene Gänse.

Ein Stadium zwischen absoluter Faulheit und Faulheit besetzen die gerade immer beliebter werdenden Einkaufs-Bringdienste. Sie werden paradoxerweise dort am wenigsten in Anspruch genommen, wo man das eigentlich vermuten würde, nämlich auf dem dünn mit Läden bestückten Land. Die meisten Nutzer hingegen sind von prächtigen Einkaufsmöglichkeiten umzingelte Großstädter, die eigentlich gar nicht auf das immer einerleier werdende Einerlei der großen Supermarktketten angewiesen sind.

Das wollte ich auch mal probieren. Auf einem Portal kann man sich Rezepte herunterladen und sich die dafür benötigten Zutaten auch gleich bei „Rewe“ ins Haus bestellen. Ich hatte Lust auf Bouillabaisse. Laut Rezept benötigte ich dafür „2 kg Mittelmeerfische (Drachenkopf, Seeteufel, Red Snapper, Meeraal, Knurrhahn, Rotbarsch, Petersfisch)“. Rewe schlug mir dafür allerdings vor: „ja! Fischstäbchen 450 g, 15 Stück“.

Okay, dachte ich mir, treffender kann man den Unterschied zwischen Bringdienst und Selbsteinkauf nicht beschreiben. Ich möchte nicht wissen, wie viele Obercoole sich in letzter Zeit eine Fischstäbchensuppe gekocht haben.

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