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Kolumne Unter den Ziegen der Lüfte

Da draußen in Brandenburg fehlt einem fast alles, außer Kranichen. Man verpasst den Maschmeyer im Fernsehen und die Vereinigung der Hohenzollern mit Jens Spahn.

Brandenburg
Da draußen in Brandenburg. Foto: imago

Als ich Carsten Maschmeyer das erste Mal auf den Plakaten für seine Start-up-Show auf Sat 1 sah, in der er nach den neuen Supergründern sucht, dachte ich: Jetzt geht es auch bei uns los. Das wird der deutsche Donald Trump. Der war ja auch so ein dubioser Unternehmer, dann ein Reality-Star mit Glamour-Frau und wurde schließlich ein US-amerikanischer Präsident, der in seiner Mischung aus Karikatur und Atombombe eine immer größere Ähnlichkeit mit dem Joker aus den Batman-Filmen bekommt. Lustig, im Zweifelsfall aber auch das Ende der Welt.

Mit meinem leichten Hang zur Paranoia sah ich Maschmeyer schon als Spitzenkandidaten der FDP unter dem Slogan „Reiche zuerst“ in den Bundestag einziehen und mit der AfD eine Regierung bilden unter dem Namen Harzburg 2.0 und der Beteiligung des abgefallenen Jens-Spahn-Flügels der CDU.

Es ist die gleiche Paranoia, die mich auch befällt, wenn ich die Baustelle der Berliner Schlossattrappe sehe und sofort weiß, dass mit Ende der Bauarbeiten die Hohenzollern zurückkehren werden, um die Unterzeichner der „Erklärung 2018“ („Mit wachsendem Befremden beobachten wir, wie Deutschland durch die illegale Masseneinwanderung beschädigt wird“) zu Mitgliedern der preußischen Akademie der Künste zu machen. Zombies sind nette Menschen dagegen.

Um die Sache zu entzaubern, wollte ich mir Maschmeyer gleich im Fernsehen anschauen. Leider hatte ich vergessen, dass ich zur Zeit auf dem Land wohne und keinen Fernseher habe und auch kein Internet, sondern nur eine schräbbelige Edge-Verbindung auf dem Handy, die allerdings nur an guten Tagen. Ich wollte es ja so: der Zivilisation den Rücken kehren, brutal das Thoreau-Walden-Aussteiger-Ding durchziehen und zur Unterhaltung nur die Kraniche haben, die sich jeden Morgen und jeden Abend unter lautem Geschrei von den Moorwiesen erheben. Nach spätestens zwei Tagen weiß man, warum die Viecher Ziegen der Lüfte heißen.

Wenn ich den Leuten in der Stadt erzähle, dass ich „da draußen“ (sprich: Brandenburg) kein Internet habe, sehen sie mich immer an, als hätte ich ihnen gerade gebeichtet, Teil eines autochthonen Stammes zu sein, der sich von Wurzeln und Singvögeln ernährt, die mit selbst gebastelten Blasrohren erlegt werden. Ich versuche dann zu erklären, dass ich weder den Drang habe, Xylofon auf den hohlen Knochen frisch erlegter Feinde zu spielen, noch Glasfasern für Dämmmaterial halte, sondern nur der digitale Aufbruch nicht bis zur Elbe gekommen ist. Glaubt mir natürlich keiner.

Deshalb müssen wir an dieser Stelle über Armut reden. Jens Spahn (siehe oben) hat neulich ja die faszinierende Feststellung gemacht, dass in Deutschland Hartz IV ausreiche zum Überleben, was so neu ist wie der Skandal am Dieselskandal. Meine Nachbarin in Berlin dagegen, die gerade ihre mühsam angesparte Rentenversicherung ableben muss, um irgendwann Hilfe zu bekommen, würde ihm am liebsten direkt vor die Füße spucken.

Nur die Reichen und Satten glauben, Armut würde von innen leuchten. Alle anderen waren in die Schule und haben den Unterschied gelernt von absoluter Armut (verhungern) und relativer Armut (keine Chance haben).

Zum Schluss die gute Nachricht: Von der Zuschauerquote her gesehen ist „Start Up!“ mit Carsten Maschmeyer abgeschmiert. Die schlechte Nachricht: Jetzt bauen sie in Potsdam auch noch die Garnisonskirche wieder auf. Gleich ruft Hindenburg an.

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