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Kolumne Unerforscht: der A-Faktor

Die Angelsachsen sind uns in der Erkundung des Phänomens Arschloch weit voraus. Das Defizit muss beseitigt werden.

Als Beispiel für seine Arschloch-Theorie führt Aaron James auch Donald Trump an. Foto: AFP

Es ist ein Jammer, dass die Deutsche Forschungsgemeinschaft nicht entschlossener in die Arschloch-Forschung investiert. Wo doch Kundschafter aus allen Provinzen und Berufsgruppen über einen spürbaren Anstieg der Arschloch-Quote berichten. Gefühlte Wahrheit: Die Zahl sehr unangenehmer Zeitgenossen wächst erstmals seit Kriegsende rapide. Doch woher kommen sie? Wie vermehren sie sich? Was macht sie so übellaunig und penetrant? Und: Ist das angeboren? Hier klaffen gewaltige Wissenslücken.

Der angelsächsische Sprachraum ist uns weit voraus. Der Stanford-Professor Jeffrey Pfeffer etwa steuert „Why the Assholes are Winning“ bei – eine Abhandlung über die wachsende Akzeptanz für unmoralisches Verhalten in modernen (sprich: skrupellosen) Firmen wie Amazon. „Der Fokus auf Kosten, Profite und wirtschaftlichen Erfolg hat die Frage nach dem menschlichen Wohlergehen zur Seite gedrängt.“

„In der Geschichte und im öffentlichen Leben wimmelt es nur so von Arschlöchern“, notiert Aaron James, Philosophieprofessor der University of California, in seinem Standwerk „Assholes: A Theory“ (2012). Und führt neben diversen US-Generälen die Herren Berlusconi, Blatter, Chavez, Ahmadinedschad und – lange vor dessen Kandidatur – auch Trump als Beispiele an. Dazu Mel Gibson und allerlei Fernsehpromis. In der deutschen „Übersetzung“ taucht auch Dieter Bohlen auf.

Man sollte den angeblich seit dem 11. Jahrhundert belegten Begriff in diesen Tagen großzügig, aber nicht leichtfertig verwenden. Nicht jeder Rüpel, jeder Klugscheißer, jede Zicke qualifiziert sich automatisch für das A-Wort. Eine Laune genügt nicht. Es sollte schon ein fundamentaler Charakterdefekt vorliegen, eine robuste Kombination aus Arroganz, Anmaßung und Skrupellosigkeit, die einen notorischen Angriff auf das zivilisatorische Ganze darstellt. James, um eine Definition bemüht, arbeitete drei Kernkompetenzen des Arschlochs heraus: „1. Es nimmt sich Freiheiten heraus, und zwar systematisch; 2. es tut dies im tief verwurzelten Glauben, darauf Anspruch zu haben; 3. es ist deshalb immun gegen die Einwände anderer.“

Radikale Ichbezogenheit

Ich ahne: Sie nicken. Tatsächlich ist diese radikale Ichbezogenheit die wohl unappetitlichste Eigenschaft im breiten Spektrum der A-Qualitäten. Das klassische Arschloch nistet im Mikrokosmos seines Denk- und Fühlgebäudes, auf dessen weitere Befestigung es all seine Kraft richtet. Weshalb es auch neuzeitliche Kommunikationsformen wie Facebook zu schätzen weiß. Nie war es bequemer, im eigenen Saft seine Kreise zu ziehen.

Die Verwendung des Schimpfwortes Arschloch, glaubt der Linguist Geoffrey Nunberg, sei ein „symbolischer Gewaltakt“. Sein Werk über den Aufstieg des A-Wortes trägt den schönen Untertitel „Assholism, the First Sixty Years“. Die Vulgarität des Wortes, so Nunberg, impliziere, „dass es Arten von anti-sozialem Verhalten gebe, die eine anti-soziale Antwort erfordern oder sogar verlangen“.

Dagegen erscheint bei uns die dringend gebotene Arschloch-Analyse dürftig. „Am wohlsten fühlen sie sich unter den Menschen, die alles mit sich machen lassen“, meldet das Fachmagazin „Glamour“. Das auch einen politisch wertvollen Rat beisteuert: „Je mehr Aufmerksamkeit man einem Arschloch schenkt, desto deutlicher äußert sich sein schlechtes Verhalten.“

Tom Schimmeck ist Autor.

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