Lade Inhalte...

Kolumne Umweltabgaben für Touristen

Wenn wir schon von Industrie reden, warum reden wir dann nicht auch von Auflagen, wie wir es auch mit anderen Industrien machen.

Vor ein paar Tagen habe ich in der Zeitung gelesen, die Alpen würden langsam aber sicher Richtung Norden vorrücken, auf Berlin zu, einige Millimeter im Jahrzehnt. Seitdem schaue ich jeden Tag ängstlich aus dem Fenster und sehe nach, ob die Berge schon da sind.

Wenn die Zugspitze erst in Sichtweite ist, dann ist der turning point erreicht: jener Moment, an dem sich ein lang verborgener Prozess enthüllt. Ein Moment, der in den letzten sechs Ferienwochen für die verbliebenen Bewohner der Berliner Innenstadtbezirke kam, als sie feststellten, dass die Stadt nicht mehr für sie da ist, sondern für Touristen.

Wir sind natürlich alle Touristen, mehr oder weniger, und die Figur des Touristen ist vielleicht die Blaupause, auf der wir unser modernes Leben führen (nur auf Durchreise, den Dreck machen andere weg), aber es ist schon komisch, wenn in den Straßen von Kreuzberg die einen Touristen den anderen Touristen vorspielen, Einheimische zu sein.

Das Tourismuskonzept von Städten wie Berlin beruht nicht zu Unrecht auf der Annahme, dass der Tourist eine Stadt nicht mehr besuchen will, sondern sie zu erleben trachtet. Er will in ihren Wohnungen leben, ihren Straßen flanieren, Teil der Aura werden.

Ganze Industrien haben sich um diesen Wunsch gebildet und sind dabei, die Geschichte der Stadt und die Lebenswelten ihrer Bewohner auszubaggern und zur Verfügung zu stellen, bis die letzte Kohle geschürft ist. Im Grunde sind Orte wie Venedig und einige Viertel von Berlin verwüstete, ihrer Aura beraubte Landschaften, auch nicht schöner als die Abraumhalden des Tagebaus, nachdem die Schaufelbagger abgezogen sind – nur sieht man es auf den ersten Blick nicht, was die Sache vielleicht noch tragischer macht. Außerdem kann man die Löcher nicht fluten.

Nun darf man nicht zu viel meckern. Der Tourismus ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, vor allem in Berlin, wo man an Wirtschaft nicht eben reich ist. Aber wenn wir schon von Industrie reden, warum reden wir dann nicht auch von Auflagen, wie wir es auch mit anderen Industrien machen.

Denn ob Kohlekraftwerk oder Tourismus, Emissionen produzieren beide: Schmutz, Lärm und Gestank. Doch während jede Fabrik, die Abgase in die Luft bläst, Filter einbauen muss, dürfen die Gastronomen besoffene Horden auf die Straße entlassen, wo sie einem vor die Haustür kotzen und die Nacht durchgrölen. Es gibt Nachbarn, die schlafen in ihrer Küche, das Kind im Badezimmer, weil es in den Räume zur Straße hin nicht auszuhalten ist, und zwar ganzjährig.

Sehen wir den Tatsachen ins Auge: Der turning point ist erreicht, der Stier muss bei den Hörnern gepackt und die Schadstoffemittenten zur Rechenschaft gezogen werden. Umweltabgaben sind einzuführen für alle Tourismusunternehmen, von Fluggesellschaften über Hotels bis hin zu Bars und Clubs. Schallisolierte Fenster für Anwohnerinnen und Anwohner. Identifizierung und Verbot von Substanzen, die die Stadtgesellschaft vergiften, wie Bierbike oder Airbnb, das Glyphosat der Touristen.

Über 50 Prozent Steuern auf Gewinne durch Vermietung von Gewerbe an Gaststätten und Hotels in besonders belasteten Gebieten. Jährliche Gewinnausschüttung an alle verbliebenen Bewohner der Stadt für die Zurverfügungstellung ihrer Lebenswelt. Dann können auch sie endlich nach Venedig reisen. Oder in die Alpen.

Volker Heise ist Filmemacher.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen