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KOLUMNE Überraschung

Manchmal funktionieren Dinge in Berlin auch, wenn man es nicht mehr erwartet hätte. Der Frühling zum Beispiel.

Endlich ist der Frühling da und die Stadt blüht auf. Ich habe in einer U-Bahndurchsage das Wort Bitte gehört und mir haben sie nicht das ganze Fahrrad, sondern nur den Gepäckträger geklaut. So nett kann Berlin sein. Da man jetzt auch als Freiberuflerin wieder aus dem Haus geht und zwar nicht nur im Jogginganzug zum Späti, ist mir aufgefallen, dass meine Hosen ein wenig spannen. Also weg mit den Chips und ab zum Sport.

Weil ich mich nicht entscheiden kann, ob ich Fitness, Joggen oder Yoga ätzender finde, gehe ich regelmäßig schwimmen. Die beiden nächsten Schwimmhallen für mich sind im Wedding und in Mitte. Das Weddinger Bad ist zwar näher an meiner Wohnung, hat aber Öffnungszeiten wie eine Hautarztpraxis für Kassenpatienten. Wenn ich etwa freitags nach acht Uhr morgens oder am Montagnachmittag ins Wasser steigen möchte, muss ich zum Stadtbad Mitte, das fast immer durchgehend bis spät abends für Freizeitschwimmer geöffnet hat.

Die Bäder unterscheiden sich aber nicht nur dadurch. Im Wedding sieht alles aus wie damals im Schwimmunterricht in den 80ern. Nur viel heruntergekommener. Die Umkleidekabinen haben entweder keine oder nicht passende Türen, in den Duschen kann man zwischen eiskalten und kochend heißen Nadelspitzen wählen und alles ist ein bisschen zu siffig, um genauer hinsehen zu wollen. Man kann förmlich spüren, wie der Fußpilz herankriecht.

Im Wasser trifft man schließlich die Stammformation, ohne die anscheinend kein deutsches Schwimmbad öffnen darf: die Schwangere, den Rückenschwimmer, den Muskelmann, die Kraulerin mit Badekappe und die beiden Omas, die langsam nebeneinanderher schwimmen.
Die sieht man selbstverständlich auch im Schwimmbad in Mitte, aber in was für einer Umgebung!

Das sanierte Bad empfängt seine Gäste mit sauberen Umkleiden und Duschen. Die Schwimmhalle selbst ist sonnendurchflutet und so schick, dass eigentlich nur noch Liegestühle fehlen und Menschen, die Getränke mit bunten Schirmchen servieren. Wenn man oft genug im Wedding geschwommen ist, fühlt man sich in Mitte wie jemand, der sich bei einer Premierenfeier auf die Gästeliste gemogelt hat. Täusche ich mich oder schweben da kleine Goldstückchen im Wasser?

Beide Schwimmhallen kosten den gleichen Eintritt, bieten aber einen gänzlich anderen Standard in Sachen Öffnungszeiten und Räumlichkeiten. Wer das Pech hat, an einem unsanierten Schwimmbad zu wohnen, wundert sich nicht, dass die Bäderbetriebe seit Jahren einen Besucherrückgang verzeichnen.

Sie haben ein neues Preissystem und eine Smartphone-App mit Öffnungszeiten eingeführt, aber das alleine zieht einen ja noch weniger ins Becken als zu enge Hosen. 2017 wurde nun ein Konzept vorgelegt, wonach in den nächsten Jahren 137 Millionen Euro in Berlins Bäder investiert werden sollen.

Aber bis der Sanierungsstau endlich aufgelöst ist, wird noch sehr viel Wasser die Spree runterfließen. Für Planung und Bau zweier neuer Schwimmbäder in Pankow und Mariendorf etwa werden zehn Jahre eingeplant. Als würden da Flugzeuge landen sollen.

Weil ich aber im Stadtbad Mitte sehe, wie es sein könnte, bewahre ich meinen vorsichtigen Optimismus. Manchmal funktionieren Dinge in Berlin ja, auch wenn man es schon gar nicht mehr erwartet hätte. Wie zum Beispiel der Frühling.

 

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