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Kolumne Stadt, Land, Verantwortung

Das Leben ändert sich, wenn man es nicht mehr nach dem bemisst, was zu gewinnen ist, sondern was zu erhalten ist.

Kalt blies der Wind während der Ostertage in Berlin, aber in Ostfriesland noch viel kälter. Scharf fegt er dort über das buchstäblich platte Land, und auch der Lärm von der Bundesstraße trägt ohne Wälder und Hügel endlos. Ortschaften voller Einfamilienhäuser, als ob es sich einfach nicht gehörte, mit einer anderen Partei den Flur zu teilen, und warum sollte man auch, Platz gibt es ja genug und die Erinnerung an die „Friesische Freiheit“, das Privileg, mit dem man hier ab dem 9. Jahrhundert ohne Feudalherren lebte, ist noch sehr präsent, wie Aufkleber auf vielen Autos zeigen.

Backsteinwelten voll kleinster, aber autonomer Einheiten also, um überdimensionierte Kirchen gruppiert, die doch im Leben und auch an Weihnachten nicht zu füllen sind! Aber dort mussten bei Sturmfluten vor 100 Jahren und mehr auch die Nutztiere in Sicherheit gebracht werden, denn Dörfer, die heute kilometerweit von der Küste entfernt sind, lagen damals direkt am Meer. Soviel gewonnenes Land gibt man nicht auf. Auch nicht, wenn die Jobs woanders besser sind, die Kosten für die Instandhaltung des Hauses das Einkommen übersteigen und es wegen Trainermangels monatelang keinen Jugendsport gibt. Man wartet ab, nimmt einen zusätzlichen Putzjob an und bleibt.

Das müssen sie wohl sein, die Wurzeln, deren Fehlen ich als Angehörige einer aus dem kleinstädtischen Kleinbürgertum in die akademisch gebildete Urbanität migrierten Schicht von Leuten, für die Eigentum nie einen Wert dargestellt hat, immer empfunden habe. So kann man sich dem Sog des Anything Goes also entziehen: Indem man die Glücksparameter nicht nach dem bemisst, was zu gewinnen, sondern was zu erhalten ist.

Die Bayern unter Ihnen werden wissend nicken. Aber mir hat dieser Besuch bei ostfriesischen Freunden wie neu vor Augen geführt, in welcher Blase nicht nur ich mich im Nischenparadies der Großstadt bewege. In der Annahme, dass alles immer auch ganz anders sein könnte, wiegt man sich in der Sicherheit einer Vorläufigkeit, die sich zwar angenehm flexibel anfühlt, womöglich aber nur anderen die Rendite sichert. Nicht dass das Unflexible unterm Strich automatisch besser aussähe. Aber mit einer Konstante ließe sich das Ganze wenigstens selbst berechnen.

Was übrigens nur bedingt eine Frage der Generation ist. In ihrem jetzt als Taschenbuch erschienenen Roman „Die Glücklichen“ lässt Kristine Bilkau die Blase eines Pärchens von Hamburger Neu-Eltern in ihren Dreißigern implodieren. An den eigenen Ansprüchen und an der Wirtschaft. Auch hier sind es interessanterweise bestimmte Orte, die den beiden, einer Cellistin mit Panikattacken und einem Redakteur, dessen Verlag geschlossen wird, am Ende wieder Boden unter den Füßen verschaffen: die Ladenwohnung, in der er aufgewachsen ist, und die Wohnung, in die sie mit ihrer Mutter als Teenager einzog.

Erst als ihnen klar wird, dass sie eben nicht überall leben könnten, sondern letztere halten wollen und bereit sind, einen Untermieter aufzunehmen, um die steigende Miete zu finanzieren, endet das, was sie als freien Fall erleben. Erst da empfinden sie ihre Gegenwart nicht länger als vorläufig, sondern sehr konkret als zukünftige Vergangenheit. Erst da, könnte man sagen, kommt so etwas wie Verantwortung ins Spiel.

Petra Kohse ist Autorin.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

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