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Kolumne Selber machen ist out

Immer mehr Menschen lassen sich Lebensmittel oder Pizza bringen. Aber was machen sie mit der gewonnenen Zeit?

Pizza-Lieferservice
Der heutige Mensch lässt sich gerne bedienen. Foto: imago

Eigentlich fragt man sich ja, warum es so etwas überhaupt jemals gegeben hat. Doch lange Zeit war er ein begehrter Artikel, ähnlich wie Trockenshampoo, Kölnisch Wasser oder Katzenzungen. Die Rede ist von Selbstbräuner. Eine matschige Substanz, die man sich ins Gesicht schmierte – und hinterher auch aus hundert Metern Entfernung wie jemand aussah, der sich eine matschige Substanz namens „Selbstbräuner“ ins Gesicht geschmiert hat.

Alle wussten dies, alle sahen dies, alle müssen doch zumindest insgeheim gedacht haben, dass man damit im wahrsten Sinne des Wortes scheiße aussah – dennoch fühlte sich kaum jemand daran gehindert, die Matsche zu benutzen. Heute verwenden Selbstbräuner nur noch dürftig behirnte AfD-Sympathisanten zur Beschleunigung ihrer Nazifizierung. Das ist natürlich ein Scherz, denn die haben so etwas gar nicht nötig. Das Mittel gibt es also kaum noch. Muss es auch nicht, denn heute geht man zum Bräunen ins Solarium. Doch auch die werden weniger, spätestens seit ein Flug in die richtige Sonne günstiger ist als eine Stunde Studiobrutzeln oder früher eine Tube der braunen Matsche.

Doch das Verschwinden des Selbstbräuners ist ein Anachronismus. Wer hätte das gedacht, aber er war seiner Zeit weit voraus. Während nämlich seit den Siebzigerjahren der „Do it yourself“-Gedanke nahezu alle Lebenssituationen und Gesellschaftsschichten eroberte, hält sich der moderne Mensch nun eher zurück und lässt machen.

Miteinander reden? Zu anstrengend

Er glotzt einkaufend ins Internet und sieht dann genüsslich zu, wie ihm spärlich bezahlte Menschen schwitzend seine Einkäufe in den vierten Stock schleppen. Gleichzeitig scheint sich die Zahl der Essenslieferdienste schier wöchentlich zu verdoppeln. Immer mehr Lastenradler sieht man durch die Städte strampeln, um Lauwarmes für teures Geld zu Hungrigen zu bringen. Dass dabei häufig Pizza und Karton eine homogene Symbiose eingehen, scheint niemanden zu stören. Hauptsache, nicht selbst machen müssen. Sogar für die eigene Erholung fühlt man sich nicht mehr zuständig. Zu Hause besorgt dies die „Unterhaltungselektronik“, im Urlaub verrichten Animateure den Job. In Ruhe am Meer sitzen oder einfach nur miteinander reden überfordert die Menschen von heute. Oder spart das Sich-erholen-Lassen etwa auch Zeit?

Und klar, der nächste Schritt wird sein, das Machen vollständig den Maschinen zu überlassen. Das selbstfahrende Auto ist fast entwickelt und so gut wie marktreif, und bis Drohnen Unnötiges ausliefern ist es auch nur eine Frage der Zeit. Otto Normalverbraucher fliegen dann seine Chicken Wings fast direkt ins Maul und gaukeln ihm vor, ein alter paradiesischer Traum werde wahr. Auch jene, die schon alles haben, müssen nicht darben. Laut „FAZ“ verkauft ihnen die Firma Steinway & Sons neuerdings für 100 000 Euro einen selbst spielenden Konzertflügel, der ohne menschliches Zutun mehr als 1700 Titel klimpern kann. Das Geschäft floriert. Fast 500 Wichtigtuer kauern weltweit schon am Gerät und gerieren sich wie Lang Lang.

Die Frage stellt sich aber: Was machen die Menschen mit der gewonnenen Zeit? Was fangen sie mit sich an? Ich fürchte, so mancher wird mit dieser Aufgabe überfordert sein und den Weg zum Therapeuten antreten. Der soll das dann mal machen.

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

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