Lade Inhalte...

Kolumne Schwimmen mit dem Strom

Wenn Fische sich unterhalten, wird es bei manchen Arten elektrisch. Das ist wie E-Mail ohne Buchstaben, und sie brauchen nicht mal ein Ladekabel.

Ladestationen werden zum Grundbedürfnis der Menschheit
Nahrung, Wasser, Schutz - und Strom? Ladestationen werden zum Grundbedürfnis. Foto: imago

Es gibt ein neues Grundbedürfnis des Menschen. Die „Klassiker“ Atmung, Ernährung, Wohnung, Zuneigung und ein paar andere werden neuerdings ergänzt durch das Grundbedürfnis Ladekabel.

Haben Sie schon mal gesehen, wenn vier Menschen im Eiscafé oder sonst wo an einem Tisch sitzen, wie intensiv die sich unterhalten? Jeder daddelt auf dem Handy herum und spricht, simst, chattet und twittert mit anderen, die ebenfalls ohne Ladekabel aufgeschmissen wären und irgendwo am anderen Ende einer längst imaginär gewordenen Leitung sitzen. Nur kein direktes Wort zum Tischnachbarn, lieber immer im Austausch mit all den anderen da draußen bleiben.

So ist Kommunikation wie fast jeder Bereich unseres Lebens von Strom abhängig geworden. Wie vernetzt das Ganze ist, durften wir gerade erleben. Die Uhren an den Backöfen in Deutschland gingen plötzlich nach, weil in Südosteuropa zwei Staaten miteinander irgendeinen Streit aushandeln und deswegen die Netzspannung abfällt. Genau habe ich nicht verstanden, wie das zusammenhängt. Restkenntnisse aus dem Physikunterricht reichen dazu anscheinend nicht aus.

Die Nutzung von Strom ist aber keine menschliche Errungenschaft. Sie spielt im Tierreich eine bedeutende Rolle. Besonders bei Fischen ist das sehr ausgeprägt. Sie orten durch den Aufbau elektrischer Felder ihre Beute, können sie sogar mit Stromstößen erlegen. Sie unterhalten sich untereinander, grenzen ihre Reviere ab und tauschen Informationen über vielerlei aus, so über den sozialen Status und die (erhoffte) Paarungsbereitschaft. Letzteres ist fast wie Balzen per E-Mail, nur ohne Buchstaben. Besonders praktisch ist das für Fische, die im Trüben fischen – und leben. Da ist es mit der Sicht nicht so gut bestellt.

Auch Schnabeligel, Schnabeltier und Delfine besitzen elektrosensible Organe. Während sie elektrische Felder nur wahrnehmen können, produzieren andere Arten ihren Strom selbst. Zitteraale sind darin besonders gut. Ihre Stromschläge, von umgewandelten Muskelzellen erzeugt, werden unter anderem zur Verteidigung eingesetzt und sind so heftig, dass sie selbst für Pferde und Menschen tödlich enden können. Die gelähmten Opfer ertrinken.

Warum aber ausgerechnet die Top-Romantiker unter den Tieren, die Glühwürmchen, keinen Strom brauchen, um zu leuchten, ist eine Wissenschaft für sich. Man darf zwar bezweifeln, dass diese Tierchen (übrigens keine Würmer, sondern Käfer, die es in vielen Arten gibt!) selbst romantisch sind, aber welchem Menschen wird es nicht warm ums Herz, wenn sie in lauen Sommernächten ihr Lichtlein schweben lassen.

Sie produzieren es, indem sie Luciferin (was für ein teuflischer Name in solcher Romantik!) mit einem Enzym und Sauerstoff zusammenbringen. Wissenschaftlich heißt das Bioluminiszenz. Kaltes Licht, erzeugt ohne Strom und ohne Wärmeverlust, das ist eine zukunftsweisende Technik, die deswegen intensiv erforscht wird. Dies ist eines der vielen wunderbaren Beispiele für Bionik, also das Abkupfern von Erfindungen der Natur für die menschliche Nutzung.

Ladekabel allerdings sind eine zutiefst menschliche Erfindung. Vorausgesetzt der Anschluss passt, können sie ihre nutzbringende Wirkung entfalten. Da sieht man wieder einmal, wie einfach unser Leben geworden ist – zumindest wenn es darum geht, miteinander im Gespräch zu bleiben.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen