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Kolumne Schlusspfiff für Wattestäbchen

Landstriche unter Plastik für Tomaten, Müllberge in den Fußballstadien. Doch Europa lässt sich Zeit mit Verboten. Kenia und Ruanda waren schneller.

Mit 80 Plastiktüten im Magen stirbt ein Wal in Thailand. Die Meldung ging um die Welt, als ob das etwas Besonderes wäre. Tausende Wale, Meeresschildkröten und Robben teilen dasselbe Schicksal. Auch dass einem Landwirt in Afrika ein Rind an Plastikmüll stirbt, ist ein alltägliches Phänomen. Aber dieser tote Wal rüttelt die Welt auf. Gerade als die Europäische Kommission darüber nachdenkt, einige Wegwerfprodukte aus Plastik zu verbieten, wie Einwegbesteck, Trinkhalme und Wattestäbchen. Und bis 2030 soll es gar eine europäische Plastikstrategie geben. Hallo, geht’s noch?

Ein Dutzend Jahre, um eines der größten Umweltprobleme strategisch anzugehen? Wir sollten uns ein Beispiel an Kenia und Ruanda nehmen. Beide Länder sind bisher fast im Müll erstickt. Aber anders als wir haben sie strikte Verbote von Plastiktüten durchgesetzt, gegen alle Widerstände aus Handel und Industrie.

Wir aber wollen uns noch mehr als ein Jahrzehnt gönnen, bevor unser ökologisch korrektes, chlorfrei gebleichtes, aus recyceltem Material hergestelltes Toilettenpapier endlich ohne Plastikhülle in den Handel kommt. Echte Strohhalme sind wieder in, aber nett in Plastik verpackt. Die Deutsche Bahn fährt zwar umweltfreundlich mit Ökostrom, serviert aber in der 2. Klasse Kaffee im Plastikbecher. Wäre da die Forderung, richtige Tassen nicht nur in der 1. Klasse anzubieten, schon ein Aufruf zum Klassenkampf?

Notorisch sind nach jedem Spiel die Müllberge aus Einwegplastik in den Stadien. Spargel wird unter Plastikbahnen gezogen, die, verdreckt wie sie sind, nicht zur Wiederverwertung taugen; in Südspanien liegen Landstriche kilometerweit unter Plastik, weil wir die sonnengereiften (?) spanischen Tomaten so lieben.

Angesichts dessen sieht es fast so aus, als ob die EU-Kommission sich mit Nebensächlichkeiten befasst und die wirklich großen Probleme nicht angeht. Ja doch, was bisher an Überlegungen bekannt wurde, ist ein Schritt in die richtige Richtung. So wie ein Schritt von Flensburg in Richtung Süden. Da stimmt die Richtung, wenn man nach München will, aber man kommt nie an.

Es steht zu befürchten, dass einmal mehr zu sehr auf Produzenten, Verbraucher und deren Eigenverantwortung gesetzt wird. Bei solchem Denken hätten Autos noch heute keinen Katalysator. Strikte staatliche Vorgaben erweisen sich als nötig. Wenn dazu noch konsequentes Verbraucherverhalten kommt, muss die Industrie umsteuern.

Die Europäische Union plant zu lange und handelt zu wenig. Sie bleibt mit ihren Vorhaben bisher zu wenig konkret, wie übrigens auch die Experten des Umweltbundesamtes meinen. Außerdem ist Erdöl als Rohstoff zu wertvoll, um Wegwerfmüll daraus herzustellen.

Längst geht es nicht mehr nur um die sichtbaren Plastikabfälle, die riesige Meeresstrudel bilden, Landschaften verschandeln und an denen Tiere ersticken. Das sich zersetzende Plastik und Mikropartikel, welche Produkten wie Zahnpasta, Windeln und Hautpflegemitteln beigemischt werden, finden sich mittlerweile in den Böden der sauberen Schweiz, im Wasser unserer schönsten Badeseen, in den Tiefen der Weltmeere, überall.

Sie schleichen sich sogar mikroskopisch klein in die Gewebe von Lebewesen ein, mit teilweise unbekannten, häufig aber nachweislich schädlichen Wirkungen. Besonders betroffen sind übrigens Meerestiere, die wir so gerne essen.

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