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Kolumne Schluss mit lustig

Der Brexit beschert uns einen bösen Moment des Erwachens. Danach müssen alle Demokraten zusammenstehen.

Nachrichten sind ja selten erfreulich. Man wundert sich, ärgert sich, quittiert sie routiniert, sagt: so ein Quark. Oder: so ein Mist. Oder: wie schrecklich. Der Freitagmorgen war anders. Er brachte mir ein klammes Gefühl von Verzagtheit. Ratlos war ich, bedrückt. Es war der Morgen, an dem plötzlich ganz klar war, dass Europa nun wieder schrumpft – territorial, mental, emotional. Dass die Welt rapide hässlicher wird, die Köpfe immer enger denken, die Herzen immer kleiner schlagen. Dass Show, Geschrei und Lügen mehr zählen als gute Ideen und Argumente. Und ab und zu gibt es ein Attentat.

Natürlich rissen wir alle verfügbaren Witze über die trostlose Regeninsel. Über die Nächsten, die folgen könnten: „Departugal, Oustria, Czechout und Finish“. Über die Blondinen, die die Welt zerstören: Boris Johnson, Geert Wilders, Donald Trump. Unser Humor war beinahe britisch.

Doch eigentlich war Schluss mit lustig. Hinter unseren Scherzen ragte riesig dieser dunkle Gedanke auf, dass hier friedliche Moderne verloren geht. Dieses klamme Gefühl, dass Verheerendes anrollt. Dass all diese Fremdenfresser und nationalistischen Großträumer immer kraftvoller zuschlagen und unser Leben bedrohen werden. „Nun ist klar“, notierte eine Freundin via Facebook, „dass diese Leute straight das Ruder übernehmen, ganz faktisch, ganz schnell und mit Macht, überall, fürchte ich. Es wird an allen Ecken und Enden den Bach runter gehen …“

Schluck. Gewiss: Wir hätten weniger überrascht sein sollen. Die Dominosteine purzeln seit langem. Rundum rumoren die Rechtspopulisten. Dänemark ist nicht mehr nett, die Niederlande nicht mehr hübsch, in Frankreich bellt Marine Le Pen, in Polen herrschen jetzt „Recht und Gerechtigkeit“.

In Österreich lärmt die FPÖ seit 30 Jahren. Sie hätte neulich um ein Haar den Bundespräsidenten gestellt. In Ungarn herrscht Zaunkönig Orbán. Die CSU findet ihn toll. In seinem schwarzen Schatten gedeihen Faschisten. Während im Mittelmeer weiter gestorben wird. Die Grenzen sind fast dicht.

Im nächsten Kreis stehen, von Größe, Blut und Bestimmung schwadronierend, die Putins, Erdogans, der Kandidat Trump und einige mehr. „The lure of the strongman“ , schrieb die „Financial Times“, die Verlockung des starken Mannes. Auch wir haben ihn jetzt – den heiligen Zorn, den Hass auf Muslime, Frauenbefreiung und Weltoffenheit. Es riecht auch hier zunehmend nach Konterrevolution. Zum Glück noch ohne „Strongman“.

Irgendwann an diesem Freitag stand ich, derart auf der Welt herumkauend, in der Küche und schnippelte Gemüse. Aus dem Radio sprach, per Telefon zugeschaltet, Martin Roth, Chef des Londoner Victoria and Albert Museums. Der genau dieses Weltenpanorama beschrieb und sagte: „Das ist eine Bewegung und das beginnt erst richtig.“ Er traue sich kaum zu sagen, was er gerade denke: „Wenn sie die 20er Jahren sich vorstellen, wo genügend Menschen gewusst haben, was kommen wird. Wo genügend Schriftsteller schon das Manuskript in der Schublade hatten, weil sie wussten, es wird was Schreckliches passieren … Da ist auch niemand aufgestanden und hat gesagt: Jetzt ist Schluss. Weil man nicht die Kraft dazu hat.“

Es gibt heute viel mehr Demokraten. Wir alle, Konservative wie Progressive, brauchen jetzt diese Kraft.

Tom Schimmeck ist Autor.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

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