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Kolumne „OmaOpa fahren“

Mein Sohn war der Sturm, der das Beziehungsgerüst mit meinen Eltern durcheinander wirbelte und neue Verbindungen ermöglichte. Die Kolumne.

Meine Mutter sagt, es sei einfacher, Oma als Mutter zu sein. (Symbolbild) Foto: Michael Schick (Michael Schick)

Es gab eine Zeit, da habe ich das Dorf meiner Kindheit gemieden. Mit neunzehn habe ich den Ort und meine Familie verlassen. Ich dachte, das ginge einfach so, man könnte seine Familie hinter sich lassen, sich neu erfinden. Ich ging in die Großstadt, studierte, fand neue Freunde. Als erste in der Familie machte ich einen Hochschulabschluss, bekam eine Stelle im Ausland.

Je besser es mir ging, desto schwerer fiel es mir, nach Hause zu fahren. Es fühlte sich vertraut, aber auch fremd an. Meine Mutter schimpfte über Dinge, die ich nicht verstand. Mein Vater versteckte sich in seiner Werkstatt. Die Bürgersteige waren renoviert worden, aber man sah nie jemanden darauf. Der Laden, die Post, die Kneipe schloss, die Wölfe rückten näher.

Und dann kam mein Sohn – und wir fuhren öfter ins Dorf. „OmaOpa fahren“, war einer der ersten Sätze, die er sagen konnte. Manchmal, wenn es abends dunkel wurde, stand er in unserer Berliner Wohnung am Fenster und guckte nach draußen auf die Lichter. Dann fragte er mich, ob es bei Oma und Opa auch dunkel war. Waren sie schon im Bett? Oder könnten wir noch schnell hinfahren? Bitte, Mami! Wenn wir da waren, wollte er nicht weg. Er weinte im Auto und verlangte nach seinem Opa.

Das Dorf, eine Sackgasse? 

Für mich war das Dorf eine Sackgasse, für ihn ein Ort voller Möglichkeiten, ein Utopia mit Hühnern, Gänsen, Mini-Traktoren, einer gut gefüllten Speisekammer und OmaOpa, dieser Einheit, die ihm alle Wünsche erfüllte.

Wir fuhren von nun an öfter ins Dorf. Sobald das Auto in der Einfahrt hielt, zappelte mein Sohn in seinem Sitz. Nachdem wir den Gurt geöffnet hatten, sprang er aus dem Auto und rannte zu Opa.

Er wusste, wo Opa steckte, er rannte direkt in die Werkstatt. Am Anfang war ich unruhig, denn niemand durfte meinen Vater stören. Doch dann erschien mein Sohn mit Opa an der Hand. Er wirkte nicht, als fühle er sich gestört. Mit ein bisschen Mühe konnte man ein Lächeln in seinem Gesicht entdecken.

Opa trug seinen Enkel herum, schob ihn auf dem Mini-Traktor, zeigte ihm die Gänse. Opa war geduldig, einfühlsam, er wusste, wie man mit Kindern redete. Wer war dieser Mann? Warum sah er so aus wie mein Vater?

Mein Sohn wusste nichts von den Gräben, die sich seit meiner Jugend zwischen meinen Eltern und mir aufgetan hatten. Er war unbefangen. Er war der Sturm, der unser Beziehungsgerüst durcheinander wirbelte und neue Verbindungen ermöglichte.

Mit Oma verschwand mein Sohn in der Küche. Ich saß im Wohnzimmer und hörte ihnen zu. Sie erklärte dem Dreijährigen, wie man Rührei zubereitet. Er quasselte, warum denn das, warum denn jenes, warum soviel warum, aber sie blieb ruhig. Und als ein Ei auf dem Boden landete, lachte sie. Ist das die Mutter, die früher sofort wütend wurde, wenn was herunterfiel?

Neulich bekamen wir ein Päckchen von meiner Mutter. Drin waren Stollen und Papier-Sterne. Selbstgebastelte? Wer hatte die gebastelt? Meine Mutter bastelte nicht, das hatte sie noch nie gemacht. Sie hatte auch nie mit mir und meinen Geschwistern gespielt. Immer zu viel zu tun. Das war meine Erinnerung. Aber stimmte sie? Mein Blick auf meine Eltern hat sich verändert, seitdem ich selber Kinder habe.

Während ich nachdachte, krabbelte meine Mutter auf dem Boden herum und ließ meinen Sohn auf ihrem Rücken reiten. Sie sagt, es sei einfacher Oma als Mutter zu sein.

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