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Kolumne Noch nicht vorbei

Auf Kanzlerin Angela Merkel gibt es nach der gescheiterten Sondierung bereits die ersten politischen Nachrufe. Warum eigentlich?

Kabinettssitzung
Sessel von Bundeskanzlerin Merkel im Kabinettssaal: Für politische Nachrufe ist nicht die Zeit. Foto: Michael Kappeler (dpa)

Vergangene Woche erschien der erste wuchtige Nachruf auf Angela Merkel, also auf sie als Bundeskanzlerin. Ansonsten wirkt die Dame ja recht kregel. Für den Text des Soziologen Wolfgang Streeck räumte die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ eine Feuilletonseite ab. Manche nehmen das als Fanal. 

An meiner Lieblingsstelle erteilt der Autor künftigen Historikern einen Forschungsauftrag: Wie gelang es dem „System Merkel“, die Öffentlichkeit in einen Zustand zu versetzen, in dem sie „unter laufender Opferung ihres Intellekts“ bereit war, „immer neue Absurditäten zu glauben oder wider besseres Wissen zu bekennen“? 

Der Kanzlerin gebührt mein professioneller Respekt

Ich wurde bis 1988 im „Roten Kloster“, der Leipziger Medienkaderschmiede, in den Techniken der Volkssedierung unterwiesen. Dafür, dass selbst ihre kryptischsten Einlassungen ein emsiges gesellschaftliches Summseln und Brummseln auslösten, gebührt der Kanzlerin und ihren Multiplikatoren mein professioneller Respekt. 

Beispielhaft nennt Streeck Merkels – für eine Regierungschefin eines souveränen und funktionsfähigen Staates – eigentlich den eigenen Rücktritt erheischende Behauptung, die Landesgrenzen nicht kontrollieren geschweige denn schließen zu können. Sie begründete das mit dem „Zeitalter des Internets“. Weil Menschen sich einscannen, ans Ziel mailen und dort per 3D-Drucker wiederherstellen? 

Streeck erwähnt noch ganz anderen, aus dem herrschaftlichen Dunstkreis entwichenen „offenkundigen Unsinn“: etwa, dass jährlich eine Million Migranten zu „schaffen“ und darunter niemals nicht keine Terroristen wären. 

Es war nicht alles schlecht, und mir gefällt Merkels laues Temperament sogar. Aber sie hat eben wenig Gesinnung mit viel Moralin verkauft. Was ich ihrem fast alle Konkurrenten einnehmenden Wesen und ihren jäh alternierenden Alternativlosigkeiten nachtrage, ist, dass deshalb nun eine Truppe wie die Alternative für Deutschland weithin verdächtigt wird, eine Alternative zu sein, und dann, gute Güte, auch noch die einzige. 

Noch weniger schätze ich es, als Gegner der Rautenregentin auch nur zart in den Ruch zu geraten, ein „Rechtspopulist“, vulgo Rechtsradikaler, Antidemokrat und Hetzer zu sein. Merkel festigte ihre Macht, wie Streeck schreibt, „um den Preis einer Trivialisierung von Faschismus und Rassismus“. Wie soll man es anders nennen, wenn Sahra Wagenknecht und ihr mithelfender Gatte als Nazis denunziert und Schlagersänger aufgefordert werden, „Haltung“ zu zeigen? Schlagersänger!

Abkühlung unter Klimakanzlerin Merkel

Unter der Klimakanzlerin hat die Atmosphäre sich abgekühlt, zumindest in diesem Land. Immerhin. Die durch Familien und Freundeskreise schleichende Entfremdung liegt natürlich nicht allein an ihr, sondern vor allem an der Dissonanzunverträglichkeit der Beteiligten. 

Aber Merkel unternimmt eben nichts dagegen, etwa indem sie eigene Fehler diskutiert. Sie wechselt die Positionen in kurzen, schnellen Sprüngen und zieht den Kopf ein. Für einen Infanteristen mag das angehen, und vielleicht funktioniert es bei ihr noch eine Weile. Es kann nun aber auch schnell vorbei sein. Dann haben es alle schon immer gewusst. Um nicht zu spät zu kommen, lautet mein Nachruf bereits jetzt: Kanzlerin Angela Merkel regierte ohne eine Vision. Halb so schlimm. Sie hätte die auch nicht besonders gut formuliert.

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