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Kolumne Muss ja gemacht werden

Er ist in das Haus seiner Eltern gezogen. Dort versorgt er seinen Vater. Einfach so.

Eigentlich wäre da nicht viel Spannendes zu erzählen. Lange hatten wir uns nicht gesehen, drei Monate vielleicht oder vier. Er wohnt jetzt auf dem Land, berichtet er, eine gute Stunde weg von der Stadt. Seine Mutter ist gestorben. Aha, denke ich, er hat das Haus geerbt, ist da hingezogen. Machen ja viele in letzter Zeit. Was soll man auch tun. Bei den Mieten. Und es wird ja nicht besser.

Bei ihm ist es anders. Er hat seinen Vater mitgeerbt. Der lebt noch. 84. Debil. Kann nicht alleine wohnen. Hätte er früher schon nicht gekonnt und jetzt erst recht nicht. Also ist er da hingezogen. Ohne lange zu überlegen. Einfach so. Muss ja gemacht werden.

Er lacht. Eine Zweier-WG haben sie nun. Vater und er. Wichtig ist das Regelmäßige. Sieben Uhr Frühstück, zwölf Uhr Mittagessen, sechs Uhr Abendbrot. Er kann jetzt auch kochen. Konnte er nie. „Learning bei Doing“, nennt er diesen Vorgang.

Ja, Kartoffelpuffer kann man sicher auch selbst machen. Aber die gefrorenen sind fast genauso gut. Und die kann man einzeln der Packung entnehmen. Das ist doch praktisch. Und der Vater isst sie gerne, die „Kartoffelkreppel“ wie sie dort sagen. In der Gegend, wo er nun mal wieder lebt.

Sonntags geht er manchmal in die Dorfwirtschaft und holt Jägerschnitzel. Mit Pommes für zwölf Euro. Da kannste nichts sagen. Und das sind Riesenportionen. Und bleibt was übrig, streifste die Soße ab und isst es abends aufm Brot. Ja was?

Nur eines wird es nie geben. Gemengte Möhren, wie sie dort sagen. Ein Stampf aus Karotten und Kartoffeln. Das hat Mutter immer gemacht. Das würde er nie so hinkriegen, sagt er. Also versucht er es erst gar nicht. Das ist klug.

Werktags kocht er vor. Er muss ja in die Stadt zur Arbeit. Halbtags, um vier ist er wieder daheim. Das reicht dicke. Er macht dann was im Haus oder im Garten. Dann Abendbrot. Manchmal sehen sie abends so Dokumentationen vom Krieg. Da erzählt der Vater plötzlich Sachen, die er früher nie erzählt hat. „Ja, so war das“, sagt er dann plötzlich. „Genauso war das.“ Er weiß nicht mehr, was es zu Mittag gab, aber an die polnischen Vorgärten, an die kann er sich erinnern.

Einsamkeit? Wieso? Ob er nun in der Stadt Single ist oder auf dem Land, wo ist der Unterschied? Und dummes Geschwätz in der Kneipe kannste hier genauso haben wie dort. Obwohl, in der Stadt ist es eigentlich noch dümmer, weil sie sich da klüger vorkommen. Mit ihren ganzen Unverträglichkeiten, Intoleranzen und Befindlichkeiten. So was gibt’s auf dem Land nicht. Da brauchste auch keine Therapie. Aber Freunde finden sich dort auch. Es ziehen sogar immer mehr alte von früher wieder hin. Meist aus finanziellen Gründen. Er nicht. Er kam wegen seinem Vater. Aus Liebe? Ach was. Es ist sein Vater. Das reicht doch als Begründung.

Pflegegeld will er nicht beantragen. Da könnte er sich gerade aufregen. Warum denn? Es geht doch auch so. Es gibt andere, die brauchen das nötiger. Es scheint ihm fast schon wie eine Beleidigung, für die Pflege seines Vaters Geld von einem Amt anzunehmen.

Das ist ihm so fremd wie der Gedanke, dass das etwas ganz Besonderes ist, was er da tut. Dass er gar ein Held sei oder so was. So’n Quatsch. Er tut dies, als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt. Ist es ja auch. Eigentlich.

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