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Kolumne Mündig unmündig?

Wir geben immer mehr Verantwortung ab. Verlieren wir dadurch unsere Selbstständigkeit?

Eigentlich braucht man sich ja nicht zu wundern. Schließlich sind wir Menschen unter allen Säugetieren kurz nach der Geburt am längsten auf elterliche Hilfe angewiesen. Wir plumpsen heraus und können nichts außer atmen, plärren, nuckeln, schlafen und die Windeln vollmachen. Der Grund dafür ist paradox: Wir sind zu klug, um bereits jetzt für uns zu sorgen.

Im Laufe der Evolution nämlich haben wir so heftig nachgedacht, dass unsere Hirne wuchsen und wuchsen, unsere Köpfe mithin immer größer wurden – die Becken unserer Mütter aber nicht. Deswegen müssen wir schon bereits nach nicht mal halber Garzeit hinaus ins Leben, würden wir doch später nicht mehr durch den Geburtskanal passen.

So tut es nicht Wunder, dass wir erst nach einem knappen Viertel unserer Gesamtlebenszeit als einigermaßen erwachsen gelten. Aber sind wir dann auch wirklich eigenständig lebensfähig? Ich habe da so meine Zweifel. Mehr noch. Tun wir doch alles, uns immer mehr zurückzuversetzen in den Status der Unmündigkeit.

Beispiele? Bitte. So bewegten wir uns jahrtausendelang zielsicher von A nach B. Heute sind wir ohne Navi hilflos. Einst fanden wir sogar Straßen in fremden Städten, indem wir schlicht dort Ansässige befragten. Wir hatten Dutzende von Telefonnummern im Kopf, heute wissen viele nicht mal mehr die eigene. Fühlten wir uns erlüstert, machten wir uns „warme Gedanken“, wie es so schön hieß. Heute glotzen wir Pornos. War uns blümerant, griffen wir zu einem Kraut, das dagegen gewachsen war. Heute befragen wir das Smartphone und suchen uns die fürchterlichste aller angebotenen Diagnosen aus.

Und sind wir uns unsicher, schließen wir uns dem Schwarm der Dumpfbacken an und gehen auf eine Affenschaukel wie „gutefrage.net“. Dort erhalten wir dann allerdings Antworten von anderen Selbstentmündigten, die meist mit „Ich weiß auch nicht genau, aber…“ beginnen und uns in unserer akuten Todesangst bestärken. Suchen wir dann doch einen Doktor auf, lesen wir erstmal, wie andere ihm im Netz bewerteten.

Hüsteln hingegen unsere Kinder, da rennen mit ihnen sofort in die Notaufnahme, auch mitten in der Nacht. Und wehe, man empfiehlt uns dort statt eines Medikaments einen seit Jahrtausenden bewährten Salbeihonig – und behauptet dann noch, das sei auch eine Arznei. Da blasen wir noch in der Klinik zum Shitstorm gegen diese Quacksalber.

Dabei können wir doch eigentlich gar nicht mehr krank werden. Riechen wir doch nicht mehr an unserem Essen, sondern werfen es weg, wenn das „Mindesthaltbarkeitsdatum“ bald abläuft. Da vertrauen wir ganz den großen Konzernen, die werden schon wissen, was sie tun. Überhaupt legen wir fast unsere gesamte Nahrungsaufnahme in die Hände anderer. Entweder wir lassen uns gleich irgendwelches lauwarmes Gemansche nach Hause bringen, oder aber genau bemessene Zutaten samt idiotensicherem Rezept zum Selberkochen. Warum sich eigene Gedanken machen?

Man könnte nun seitenlang weitere Beispiele aufzählen. Dass bald ein selbstfahrendes Auto kommen soll, erscheint da nur logisch. Was aber macht das alles mit unserer Gesellschaft? Gar mit einer Demokratie, die doch auf der politischen Mündigkeit des Einzelnen fußt? Zur Beantwortung dieser Frage brauchen wir gar nicht erst in die USA zu blicken.

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