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Kolumne Mit dem Rad nach Bansin

Wer reist, hat was zu erzählen. Wer mit seiner Frau an die Ostsee fährt sowieso.

Am Wochenende war ich an der Ostsee. Seit meine Frau mehr Geld verdient als ich, lädt sie mich manchmal ein, damit ich etwas sehe von der Welt. Auch sonst hat sich unser Verhältnis stark verändert. Neulich hat sie mir Gesichtscreme geschenkt, gegen die Falten. In der Nacht darauf bin ich aus einem Alptraum geschreckt, weil sich ein Schönheitschirurg über meine Problemzonen beugte.

Meine Frau findet, ich solle hin und wieder Sport treiben. Darum hat sie den Urlaub gebucht. Mit der Bahn am Samstag Richtung Vorpommern, dann mit den Rad weiter nach Usedom. Über Straßen, durch Alleen, auf Deichen. Zweimal mussten wir mit einer Fähre übersetzen, einmal hat der Fährmann gerudert. Er sagte, wir seien erst die zweiten Reisenden des Tages, was wahrscheinlich am Fußball lag. Die Menschen waren seit dem Morgen durcheinander.

Bei einer Käserei machten wir Pause. Wir bekamen belegte Brötchen, die so gut schmeckten, dass wir uns noch mehr Käse einpacken ließen. Auf die Frage, ob es mit dem Käse auch bis Berlin gehen würde, ohne Kühlschrank, einen Tag und eine Nacht lang, sagte die Verkäuferin, der Käse würde nicht nur gehen, er würde bis Berlin laufen. Der Satz stellte sich als richtig heraus und tauchte meine Kleider in den Geruch von Eau de Fromage.

Auf dem weiteren Weg hatten wir starken Gegenwind. Weil ein Elektrofahrrad unter unserer Würde ist, mussten wir gegen ihn ankämpfen, Meter für Meter. Wenn ich anfing zu murren, motivierte mich meine Frau und sagte: Denk an das Hotel! Sie hatte einen Balkon versprochen, Zimmerservice, Pool, Wellnessoasen und ein Frühstücksbuffet. Als ich noch das meiste Geld verdiente, konnten wir uns nur ein Apartment am Achterwasser leisten.

Kurz vor Bansin kam ein letzter steiler Anstieg. Dann lag der Badeort vor uns: links ein Lidl, rechts die Bundesstraße, fern am Horizont das Meer. Bansin gehört zu den Kaiserbädern, was ein Titel ist, der bei mir gemischte Gefühle auslöst. Ich denke sofort an den irren Wilhelm II, an seine kopflose Politik, die man heute zwischen Trump, Seehofer und dem HB-Männchen ansiedeln würde: immer in der Lage, gleich in die Luft zu gehen und die Welt mit sich zu reißen.

Unser Zimmer aber war so modern eingerichtet wie das Hotel von außen aussah: Beton, Glas, Holz und ein romantischer Hauch von Stahlträgern. Leider hatte es keinen Meerblick. Sie könne bei lautem Meeresrauschen sowieso nicht schlafen, sagte meine Frau und machte sich auf den Weg zur Massage. Ich ging zum Strand und kaufte mir ein Fischbrötchen sowie zwei Dosen Bier und schlief bei laufendem Fernseher ein, bevor das Spiel gegen Schweden begann. In der Nacht wurde ich von einem Wadenkrampf geweckt.

Am nächsten Morgen hatte ich junge Familien mit Kindern am Frühstücksbuffet erwartet, aber an den Tischen saßen vor allem ältere Paare wie wir. Sie hätten sich ihres Lebens freuen können inmitten der Pracht – reich gedeckte Tische, der Service räumt vor und hinter einem auf -, aber der Saal war gehüllt in eine Wolke aus Neid und Missgunst, die der AfD zum Wahlsieg hätte verhelfen können.

Typisch deutsche Mittelklasse, grummelte ich später am Strand, wahrscheinlich fehlt ihnen der Kaiser. Meine Frau kicherte und sagte, ich solle nicht immer so schwarzsehen. Ich ließ mich in den Sand fallen, blinzelte in die Sonne, sah den Möwen beim Fliegen zu und dachte: Sie hat recht. Eigentlich ist die Welt schön. Aber vielleicht begann auch nur die Gesichtscreme zu wirken.

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