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Kolumne Mehr Mütter in die Politik

Zu viele Themen werden stiefmütterlich behandelt. Eines ist der Mangel von Hebammen. Das muss sich ändern.

Hebamme
Die Intensivbetreuung sollte schon vor der Geburt beginnen. Foto: dpa

Dass es in Deutschland einen akuten Hebammenmangel gibt, ist bekannt. Ich habe selbst schon darüber geschrieben. Nun sieht es so aus, als ob sich die gesundheitliche Versorgung im Wochenbett weiter verschlechtert. In der vergangenen Woche hat eine Schiedsstelle, die zwischen Hebammen und gesetzlichen Krankenkassen vermitteln sollte, Veränderungen beschlossen, die sich auf die Betreuung von Müttern negativ ausüben dürften.

Die Intensivbetreuung durch sogenannte Beleghebammen, die sowieso schon sehr schwer zu finden sind, wird demnach weiter eingeschränkt. Auch die Wochenbettbetreuung soll anders organisiert werden. Bisher war es so: In den ersten sechs Wochen kümmert sich eine Hebamme um Mutter und Kind, sie kommt am Anfang täglich, später nur noch alle drei bis sechs Tage, je nach Bedarf.

Nun wurde beschlossen, dass künftig die Wochenbettbetreuung durch ambulante Hilfe ergänzt werden soll. Das klingt erst mal gut – wenn es wirklich ein Zusatz wäre. Aber in manchen Städten ist die Lage so angespannt, dass viele Frauen gar keine Hebamme mehr finden. Wenn sie ein Problem hätten, müssten sie in eine ambulante Sprechstunde.

Eigentlich heißt es Wochenbett, damit Mutter und Baby sich erholen können. Wer eine Geburt hinter sich gebracht hat, weiß, dass man in den ersten Tagen danach nicht unbedingt durch die Stadt rennen will. Ich habe nach der Geburt meines ersten Kindes eine Woche gebraucht, bis ich vor die Tür gehen konnte, und dann auch nur bis zum Späti. Die Idee, man solle eine Ambulanz aufsuchen, wenn man ein Problem hat, ignoriert die emotionale Beziehung zur Hebamme.

Sie kommt zu einem nach Hause, man bespricht intime Fragen, zeigt sich nackt, und zwar nicht nur körperlich. Würde sich diese Nähe auch in einer Ambulanz herstellen? Was sagt der konservative Gesundheitsminister Herrmann Gröhe dazu, dass Frauen und Kinder nach der Geburt alleingelassen werden, obwohl ausgerechnet seine Partei, die CDU, sich als Familienpartei geriert?

Es ist erschreckend, wie wenig Wellen das Thema Geburtshilfe im Wahlkampf bisher geschlagen hat, obwohl es so viele Menschen bewegt. Von den Parteien haben sich lediglich Grüne und Linke Gedanken gemacht, wie man etwa Hebammen in strukturschwachen Gebieten fördern kann, sie befürworten Eins-zu-Eins-Betreuung im Wochenbett. Gab es eine Diskussionsrunde zur Geburtshilfe im Fernsehen? Angela Merkel (CDU) und ihr Herausforderer Martin Schulz (SPD) sprachen im TV-Duell länger über Autos als über Kinder. Muss man mehr über Deutschland wissen?

Ein Grund dafür, dass die Interessenvertretung von Müttern nicht funktioniert, liegt in der Struktur der Parteien: Es gibt zu wenige junge Frauen, die sich engagieren, vor allem bei FDP und CDU. In der CDU ist nur jedes vierte Mitglied weiblich, und davon sind viele ältere Frauen.

Im Bundestag sieht es nicht viel besser aus, nur ein Drittel der Volksvertreter sind weiblich. Nach einem Bericht des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ könnte der Anteil in der kommenden Legislaturperiode noch sinken – zwölf Jahre nach dem Einzug einer Frau ins Kanzleramt. Persönliche Nähe sollte keine Voraussetzung für Politik sein, aber manchmal scheint es ohne sie nicht zu gehen. Deshalb: Frauen, geht in die Politik.

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