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Kolumne Mehr Kerker wagen

Angela Merkel lobt die Zeitungen, statt sie zu verfolgen. Das tut gut, kann aber auf Dauer nur Schaden anrichten.

Seit zehn Jahren spricht die Kanzlerin wöchentlich zum lieben Volk. Per Video-Podcast erzählt sie aus ihrem Berufsleben und sagt, was so anliegt. Das ist nicht direkt Infotainment, sondern Angela Merkel. Aber die jüngste Ausgabe macht Spaß. Darin geht es um Bedeutung und Zukunft von Lokalzeitungen. Eine junge Politikwissenschaftlerin darf dabei der Regentin stichwortgebend assistieren, etwa mit dem Hinweis, dass Medien als Lügenpresse missachtet würden: „Was kann die Bundesregierung tun, um das Vertrauen dieser Bürger wiederzugewinnen?“

Witzig. In diesen choreographierten Dialog ist eine fiese kleine Fangfrage eingebaut. Eine angemessene Merkelreaktion wäre: „Hä?“ Beziehungsweise: „Wieso soll ich denn dafür sorgen, dass mehr Leute glauben, was in der Zeitung steht?“ Oder: „Bin ich Kai Diekmann?“

Denn die Regierung ist in einer lupenreinen Demokratie nur mittelbar zuständig dafür, was Menschen über Medien denken. Andernfalls wären es ja Staatsmedien. Die Presse, das lernen angehende Politikwissenschaftler hoffentlich beim Studium, soll die Regierungsarbeit unabhängig und kritisch begleiten. Vierte Gewalt und so. Dies allerdings muss, weiter im Lehrbuch, wiederum die Regierung den Journalisten ermöglichen.

Doch Angela Merkel antwortet anders: Die Qualität der Zeitungen sei dufte. „Es wird viel und gut recherchiert und viel Interessantes angeboten.“ Mir als Pressevertreter schmeichelt dieses Urteil enorm. Ich bade gerade darin. Meine Haut wird davon glatt und weich. Ich weiß nur nicht, ob es auf die Dauer hilft.

Da draußen gibt es immer mehr Leute, die glauben, ich würde sie auf Anweisung von ganz oben formvollendet hinter die Fichte führen. Laut Umfrage halten sechs von zehn Deutschen meinesgleichen für ferngesteuert, ob nun durch das Kanzleramt, die Deutsche Bank oder den FC Bayern. Diese Mitbürger wird es eventuell nicht vom Gegenteil überzeugen, wenn die Hauptkommandeuse ihre vermeintlichen Handlanger über den grünen Klee lobt. Dazu kommt: Wem sie erst ihr Vertrauen ausspricht, der hat wirklich ein Problem.

Vielleicht muss Angela Merkel das mit dem Medien-Image strategisch angehen. Nicht frontal, sondern wie bei Böhmermann. Eben noch war er nur ein Entertainer. Dann geißelte die Kanzlerin ihn als „bewusst verletzend“. Das war sehr geschickt von ihr. Jetzt ist der Mann ein Superdissident und Märtyrer der Meinungsfreiheit, und alles lechzt nach weiteren Heldentaten.

Was könnte die Regierung also für den Ruf der Medien tun? Sollte sie strenger sein und öfter mit Journalisten schimpfen? Ein Beispiel: Anne Will wurde nach ihren beiden Merkel-Flüchtlingskrisen-Sondertalks vorgeworfen, mit der Kanzlerin geschmust zu haben. Dieser nachvollziehbare Eindruck ließe sich leicht korrigieren. Die Machthaberin hätte Frau Will nur umgehend einkerkern lassen müssen, wegen kesser Lippe und Insubordination.

Nach ein paar Schauprozessen gegen Redakteure gäbe es bestimmt Demonstrationen mit Schildern wie: „Freiheit für Heribert Prantl!“ Für jeden angeklagten Kolumnisten würden die Volksmassen Spaliere bilden und ihn mit Blumen bewerfen. Merkels Ruhm tendierte dann zwar in Richtung Erdogan. Aber, meine Güte, was zählt das, wenn man helfen kann?

André Mielke ist Autor.

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