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Kolumne Lieber Herr Thadeusz!

Wann flippen Sie mal so richtig aus?

Der Moment war mitten in der Woche da. Nach der Anprobe eines Anzugs war mir danach zumute auf den Knien in Jubelpose durch den Laden zu rutschen. Der Anzug ist schön, er kratzt nicht und ich passe sogar hinein. Klarer Fall von Torerfolg in der Nachspielzeit. Nicht, dass der Fußboden nicht spiegelblank genug gewesen wäre. Nur einfach die falsche Umgebung, um richtig steil zu gehen.

Ein Ausstatter. Ganz sicher kein „Shop“. Es heißt „Ladage und Oelke“. So fein, dass sogar deren Webseite wie Büttenpapier zu knistern scheint. Für den Fall, dass die CDU noch mehr aus dem Blick verliert, was am Konservativen noch gleich der große Spaß ist, sollten sich die Führungsfiguren der Partei dort einkleiden. Aber eben nicht der Ort, wo man den Mund zum Schrei aufreißt, sich aufs Vereinswappen schlägt, um dann richtig auszurasten. Warum kann ich freudvolle Euphorie nirgendwo angemessen ausdrücken?

Da haben auch die Schreihälse viel kaputt gemacht. Als sie „Ausflippen“ und „Ausrasten“ als Geisel nahmen und in den Kofferraum des ewig Negativen steckten. Diese Leute ekeln mich mittlerweile regelrecht an. Wenn sie wenigstens dumm wären. Stattdessen erheben intelligente Menschen ihre Ignoranz zur Maxime. Nicht in die Feinheiten einer Zeitfrage einsteigen, vor allem nicht zu viel lesen. Stattdessen in sich hineinhören. Wenn das genug Leute gleichzeitig machen, entstehen aus den belauschten Verdauungsgeräuschen sogar politische Forderungen und das passende Vehikel. Wie im Fall der AfD geschehen. Andere, die sich auf das Ertasten der eigenen Gefühle konzentrieren, entwickeln daraus sogar eine Angst vor Freihandel.

Die Krakeler glauben, dass für ihre Empörung immer  der richtige Zeitpunkt gekommen ist. Es muss raus. Dabei gibt es mittlerweile unübersichtlich viele Situationen, in denen Erregte auftreten, um etwas nicht zu Ende Gedachtes austreten zu lassen. Mit dem Charme, mit dem das Eiterkäppchen das Innere eines Pickels freigibt.

Auf dem Weg zum Euphoriker ist mir damit aber nicht geholfen. Hättest halt nicht so sehr Deutscher werden dürfen. Würden mir diejenigen zuraunen, die sich am Dienstagabend türkisch genug fühlten, um aus BMW mit deutschen Kennzeichen ihren osmanischen Patriotismus herauszubrüllen. Junge Männer und Frauen wickelten sich in die schicke rote Fahne mit dem Halbmond. Die zu frühe Freude hinterließ tolle Begeisterten-Bilder. Nationaler Überschwang kann für mich auf dem Weg zum Enthusiasten aber leider keine Rolle spielen. Deutschland ist für mich liebenswerter, stiller Niesel. Es gibt in diesem Zusammenhang aber nichts herauszubrüllen.

Das Beste ist, kulinarisch aus dem Häuschen zu rasten. Kürzlich gab mir meine Obst-Vertraute Angelika eine Erdbeere, um die sich ein nicht-streikender Franzose bis zur Perfektion gekümmert hatte. Wenn das nächste Mal etwas vergleichbar göttlich schmeckt, renne ich vor das benachbarte Café und fordere den Sitzenden eine „La-Ola-Welle“ ab. „Warum rastet der denn so aus?“, wird der eine Kaffeetrinker den anderen fragen. „Es geht um eine Erdbeere“, kommt zur Antwort. „Nur allzu verständlich! Ich flippe selbst viel zu selten aus“, sagt dann der Andere, springt auf und reißt sich sein Hemd vom Leib. Und schon rollt die Begeisterungswelle.

Jörg Thadeusz ist Moderator.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

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