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Kolumne Lecker Wurst

Wenn du auf etwas schönes, intaktes Kleines stößt, wird dir bewusst, wie kaputt das große Ganze ist.

Eigentlich habe ich nichts gegen Fußball. Das ist ein schöner Sport, doch ich gehe selten hin. Zumindest meide ich große Stadien, denn Massen von grölenden Menschen, die alle gleich gekleidet sind und sich alle gleich verhalten, machen mir Angst. Deswegen blicke ich auch mit Horror auf die kommende Weltmeisterschaft, denn dann sind sie überall.

Manchmal träume ich gar, dass ich nach Hause komme und in meinen 16 Quadratmetern Wohnzimmer hundert Uniformierte sitzen, Plastiksandalen und Deutschlandfrotteesocken tragen, billige Würste grillen, schlechtes Dosenbier saufen und irgendwas von Einigkeit und Recht und Freiheit plärren. Ich wünsche mir manchmal, auch so zu sein, denn vermutlich käme ich dann wesentlich unkomplizierter durchs Leben. Vertan.

Aber, wie gesagt, prinzipiell habe ich nichts gegen Fußball. So verschlug es mich unlängst auf einen Sportplatz in der Provinz. Sie gaben ein Spiel, das dem Gewinner den Aufstieg in eine höhere Liga versprach. Dort war es schön.

Am Einlass wollte mir kein geistig knapp Bemittelter unwirsch an die Wäsche, sondern ein älterer Herr veräußerte mir lächelnd eine Karte, ein weiterer riss sie ein und blickte mir freundlich in die Augen.

Am Wurststand erlebte ich das nächste kleine Wunder. Stämmige, immerzu witzelnde Damen grillten und verkauften dort behänd Bratwürste, wie ich sie auf dieser Welt nicht mehr für vorhanden geglaubt hatte.

Mit anständig Majoran und Pfeffer mutig gewürzt, fett, aber nicht zu fett, nicht zu fest, aber nicht quaddelig, tiefbraun geröstet. Und mit sanftem Knack beim Biss. Eine Offenbarung. Doch damit nicht genug: Auch die Brötchen schienen direkt aus einer Backstube der fünfziger Jahre zu kommen. Fest, rösch, angenehm hefig, leicht gesalzen, wunderbar.

Mehr noch: Obwohl das kleine Stadion rappelvoll war, reichten Würste und Brötchen bis weit in die zweite Halbzeit. Eine logistische Meisterleistung. Nach dem Abpfiff verabschiedete man mich freundlich, ich fuhr beseelt nach Hause. Dort schrieb ich gleich einen Brief an den Vorstand des Vereins, bedankte mich heftig für alles und bat um die Adressen von Metzger und Bäcker.

Kurz später erzählte ich meinem Freund Mathias von diesem Erlebnis. Mathias ist erfolgreicher politischer Kabarettist und nie um einen weisen Spruch verlegen. Jetzt auch nicht. „Wenn du auf etwas schönes, intaktes Kleines stößt“, so Mathias, „wird dir erst recht bewusst, wie kaputt das große Ganze ist.“

Wie wahr. Denn was war geschehen? Ich hatte Menschen getroffen, die ganz normal miteinander umgehen und Würste haben, die nur aus Fleisch, Fett und Gewürzen bestehen und Brötchen aus Mehl, Hefe und Salz, hergestellt von Metzgern und Bäckern, die ihr Handwerk verstehen. Mehr war da nicht.

Der Vorstand hat bislang noch nicht zurückgeschrieben. Doch je länger ich darauf warte, um so mehr wächst meine Angst. Auch daran sieht man, wie kaputt alles ist und wie kaputt auch ich bin. Spuckte doch mein krankes Hirn bereits eine mögliche Antwort aus: „Sehr geehrter Herr Herl, es freut uns sehr, dass es Ihnen bei uns gefallen hat. Unsere Würste stammen übrigens von Aldi, die Brötchen von Penny, und unser freundliches Personal rekrutiert sich aus Freiwilligen des hiesigen Ortsvereins der AfD.“

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