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Kolumne Klicks und Hühnersuppe

Tiere und Menschen lechzen nach Zuneigung. Lob reicht dabei nicht. Es gehört auch Kritik dazu.

Eigentlich ist wohl jedes Wesen auf Bestätigung angewiesen. So erwartet eine Katze, die uns gönnerhaft eine schon eingespeichelte Feldmaus vor die Haustür legt, eine ausgiebige Streicheleinheit. Und warum stellen Hunde Schurken, erschnüffeln Rauschgifte und Edelpilze, Verschüttete und Sprengstoffe?

Nicht etwa, weil sie ein Helfersyndrom oder ein ausgeprägtes Unrechtsempfinden haben, sondern weil ihnen als Belohnung ein Leckerli winkt. Es gibt ja sogar Leute, die mit ihren Gurken reden, damit diese noch schneller wachsen, oder ihre Ochsen massieren, damit die besser schmecken.

So tut es nicht Wunder, dass auch wir Menschen nach Lob lechzen. Aus diesem Grunde wurden im Laufe der Geschichte so allerlei Gegenstände erfunden, der Befriedigung dieses Bedürfnisses Ausdruck zu verleihen. In der Antike waren dies Lorbeerkränze, später Medaillen, Pokale, Urkunden, Anstecknadeln und Stocknägel, bis hin zu – besonders in ländlichen Gebieten beliebt – Bierfässern und ganzen Spanferkeln. Man darf getrost auch Schulnoten und Zeugnisse dazuzählen.

Hierbei wird allerdings nicht nur gelobt, sondern auch getadelt. Das macht die Sache schon bedenklich, denn danach sehnt sich gewiss niemand. Dennoch wurde die Kultur des Umkehrlobens dankbar von der Gesellschaft aufgenommen. Ist es uns doch eine Wonne, vermeintlich Schwächeren noch eins draufzugeben, womit wir fast wieder bei der biblischen Kultur des Steinigens angelangt wären – erst recht, seit wir dafür das Internet zur Hand haben. „Soziale“ Netzwerke und Bewertungsportale sind die Richtplätze der Neuzeit.

Wie es so weit kommen konnte? Weil die allgemeine Sucht nach Bestätigung so groß wurde, dass die Furcht vor dem Gegenteil zwangsläufig mitwachsen musste. Aber warum? Warum zum Beispiel können Gastronomen schlecht schlafen, nur weil sie von einem jener Lifestyle-Heinis kritisiert wurden, die sich „Foodies“ nennen? Oder warum dieses verbissene Bangen sogar renommierter Schauspieler, selbst von schreibunfähigsten Gernegroßen in unbedeutendsten Stadtteilblättchen eine gute Kritik zu kriegen?

Weil die Wenigsten den Mumm aufbringen, zu sagen: „Leckt mich doch am Ärmel, ich zieh mein Ding durch, weil ich davon überzeugt bin.“ Einen der so gefürchteten „Shitstorms“ als laues Lüftchen zu empfinden, das einem angenehm säuselnd am Arsch vorbeigeht. Also auf die eigenen Stärken zu vertrauen und sie nicht in die Hände vor Neid sabbernder Kretins zu legen. Wer anderen Macht über sich gewährt, hat automatisch schon verloren.

Aber wir benötigen natürlich auch echte Bestätigung und ehrliche Kritik. Doch woher die kriegen? Richtig. Von wahren Freunden. Aber woher nun die wieder nehmen? Mit einigen Klicks ist das natürlich nicht getan. Wie eine Beziehung erfordert auch eine echte Freundschaft intensive Pflege. Das reicht vom Zuspruch im Entliebungs- bis hin zum Hühnersuppekochen im Krankheitsfall.

Wer das nicht zu leisten vermag, dem bleibt womöglich nur der archaische Versuch, seinem Nächsten eine eingespeichelte Maus vor die Tür zu legen und dann zu klingeln. Vielleicht öffnet dann ja ein sympathischer Mensch und sagt mit süßem italienischem Akzent: „Isch habe gar keine Katze“ – und das könnte dann der Beginn einer wunderbaren Freundschaft sein.

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