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Kolumne Klassenkampf am Rost

Endlich kann man auch beim Grillen Status demonstrieren und Sozialprestige gewinnen.

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Neulich zog ich aus, einen neuen Grillrost zu kaufen. Und landete bald in einem geräumigen Fachgeschäft für den deutlich gehobenen Gartenbedarf. Der Zufall will es, dass die Oberschicht ganz in meiner Nähe wohnt. Der Laden schien auf ihre Bedürfnisse ausgerichtet.

Ich lernte, dass man schon für einen simplen Rost, also ein paar parallel angeordnete Drähte, schnell bis zu 100 Euro los wird. Je nachdem, ob das Modell klappbar, nur glanzvernickelt ist oder doch aus Edelstahl, Gusseisen oder gar emailliert. Alsdann fiel mein Blick auf die Grillmaschinen, die bis zum Horizont der Halle funkelten. Eine Protz-Parade. Wie in einem teuren Autohaus. Ich staunte.

Früher, als wir noch ahnungslos waren, dachten wir ja: Feuer, Wurst drauf, fertig. Der moderne Grill-Experte hingegen unterscheidet zwischen Kugelgrill, Schwenkgrill, Smoker, Grillkamin (gemauert), befeuert wahlweise per Holzkohle, Gas oder Strom. Er fachsimpelt gern über das neueste Zubehör, über Anzündkamine, Fleischkörbe (verstellbar!), Marinierspritzen, Spießhalter, Smokingboxen und – unverzichtbar für den Atlantiker – Hamburger-Pressen.

Echte Profis verwenden ausschließlich Premium-Briketts, wechseln beim Räuchermehl raffiniert zwischen Buche und Erle und achten dabei auf die dessen Körnung.

Natürlich spielen auch das Grillgut und die Sauce eine Rolle. Wir empfehlen heute Lammkarree an einem Zwiebel-Feigen-Jus. Oder Pulled Pork mit Magic Dust. Exoten ordern Zebra-Keule und Känguru-Filet online.

Hurra, endlich gibt es auch auf diesem Sektor alle Optionen. Zeigen Sie Klassenbewusstsein. Sie haben die Wahl: Einerseits den garantiert antiökologischen Einweggrill „Instant Barbecue“ von Lidl für 2,29 Euro – ideal, um von bulgarischen Werkvertragsarbeitern (3,50?/h) zerteiltes Billigfleisch (3,99?/kg) zu garen. So können Sie nicht nur ihre begrenzten Barmittel, sondern auch ihre Sozialunverträglichkeit zur Schau stellen. Indem Sie das Alu-Teil nach erfolgtem Wurstverzehr einfach dekorativ in der Landschaft liegen lassen („Ey, das Ding war tierisch heiß und ich total voll“.)

Andererseits, für zunehmend bessere Kreise, diverse Standmodelle bis zur veritablen Grillstation. Die Firma Thüros etwa („Grillkultur made in Germany“) bietet für nur 1299 Euro das Modell „Duo Exclusiv“. Doch das genügt allenfalls der untersten Mittelschicht.

Mehr Eindruck macht etwa das „Summit Grill Center GBS“ des Weltmarktführers Weber-Stephen aus Illinois, Preis: 7990 Euro. Ein Grill für G7-Gipfel, L-förmig, knapp drei Meter breit, 184,2 Meter tief und 237 Kilogramm schwer. Man sollte zur Aufstellung einen Telekran ordern. Er verfügt über doppelwandige Deckel, „Flavorizer Bars“, Räucherbrenner, rückwandigen Infrarotbrenner, Sear Station, Soft-Touch-Regler mit beleuchteter Fassung,“Snap-Jet“ Zündsystem sowie sechs Besteckhaken. Im Falle einer extraterrestrischen Invasion ist es als Raumstation geeignet.

Der Grill ist, wie die Luxuskarosse und die Markenklamotte, zum Distinktionsmerkmal geworden. „Hier kommen Kunden“, berichtete die freundliche Fachverkäuferin, als ich meinen schlichten Rost bezahlte, „die sagen: ,Mein Nachbar hat das und das Modell. Ich hätte gern das nächstgrößere.‘“

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