Lade Inhalte...

Kolumne Kampf gegen Verbündete

Die Logik der Giftlobby lautet: Das Bienensterben gibt es nicht und Kühe könnten Elefanten werden.

Biene
Eine Biene, überzogen mit Blütenstaub. Foto: dpa

Die Windschutzscheibe erzählt vom Artensterben. Nicht direkt, aber deutlich. Viele Autofahrer beobachten jetzt im Frühjahr, dass das lästige Abkratzen der schwarzen Flecken von der Frontscheibe nicht mehr wie früher nötig ist. Kaum mehr zerschellen Mücken, Fliegen und Käfer dort.

Naja, sagen die Zweifler, die Autos sind halt jetzt aerodynamischer geworden, und die platte Frontscheibe des Käfers (was für eine terminologische Doppeldeutigkeit!) war eben nicht so insektenfreundlich. Na, dann schauen wir doch mal auf die Nummernschilder. Die sind so platt wie immer, bleiben aber auch nach schneller Fahrt in lauer Nacht sauberer als je zuvor.

Es gibt inzwischen jede Menge Studien, die wissenschaftlich einwandfrei nachweisen, dass Insekten überall deutlich weniger geworden sind. Viele Arten sind ganz verschwunden, andere weit seltener als noch vor wenigen Jahren. Schlimme Nachrichten! Doch es gibt in diesem Zusammenhang auch ein paar gute.

Ein Roman über die Bienen stürmt die Bestsellerlisten, der Vertrag der Regierungsparteien der großen Koalition sieht ein Programm zum Schutz von Bienen und anderen Insekten vor. Das Thema hat endlich Öffentlichkeit und Politik erreicht. Es wurde aber auch höchste Zeit.

Besonders besorgniserregend ist der Einsatz der Gifte, allen voran Neonikotinoide, mit denen die Landwirtschaft ihren Kampf gegen die Insekten führt. Was für ein Widersinn, da gerade die Bauern auf Insekten als Bestäuber vieler Nutzpflanzen angewiesen sind. Sie bekämpfen gewissermaßen potenzielle Verbündete.

Beratungsresistent und undemokratisch hat der Landwirtschaftsminister der letzten Bundesregierung das Glyphosatverbot zu Fall gebracht, als es schon zum Greifen nahe war. Seine Kollegin aus dem Umweltressort war entsetzt, und ihre Nachfolgerin hat sich den Bienenschutz anscheinend und hoffentlich zum persönlichen Anliegen gemacht. Ob wohl die neue Landwirtschaftsministerin dieses Mal mitzieht oder wie ihr Vorgänger der mächtigen Chemielobby folgt? Die Gründe für den Insektenrückgang sind vielfältig, aber der Gifteinsatz ist ein zentrales Problem. Mit einem Verbot könnte schlagartig Gutes erreicht werden.

Die einschlägige Industrie versucht mit „alternative facts“, das Insektensterben einfach weg zu diskutieren. Gibt es ja gar nicht, die Bienen nehmen sogar weltweit zu, hört man ihre Vertreter behaupten. Es stimmt zwar, dass die Zahl der Bienenvölker global gesehen zunimmt, aber nur weil immer mehr Menschen, vor allem in Asien, Honigbienen züchten, da ihnen die natürlichen Bestäuber weggestorben sind.

Honigbienen aber werden vom Menschen versorgt. Sie sind Nutztiere, fast wie Haustiere, während gleichzeitig, und das ist zweifelsfrei, ihre wildlebende Verwandtschaft dramatisch abnimmt. Es ist beinahe so als würde man sagen: Elefanten und Nashörner sterben aus, aber dafür nehmen doch die Kühe und Schweine zu, wo also ist das Problem?

Es muss einen besonders beunruhigen, dass die riesigen Lebensmittelkonzerne so eng mit den Chemiekonzernen verflochten sind. Inzwischen sind es ausdrücklich nicht nur Naturschützer und Umweltbehörden, sondern auch die Behörde für Lebensmittelsicherheit der Europäischen Union, EFSA, die vor dem Einsatz von Neonikotinoiden warnt. Die EFSA sorgt sich jedoch weniger um die Insekten, sondern vielmehr um unsere Gesundheit.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum