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Kolumne Jugendfreunde hat man erst im Alter

Man muss eine Weile gelebt haben, bevor man seine Erinnerung mit Leuten teilen kann, die früh dabei waren.

Auf der Straße treffe ich zwei Schulkameraden, längst sind sie ältere Männer, aber in den Gesichtern scheinen noch die Jungs durch, die ich mal gekannt habe. Wir reden kurz, lachen und trennen uns. Ich hätte gerne gewusst, ob sie danach über mich geredet haben. Wir kennen uns so lange. Wer bin ich, und wer bin ich in ihren Augen?

In Gesellschaft begegnen sich das Selbstbild und das Fremdbild. Das eine ist meine Wahrnehmung von mir selbst, ist mein Ich, wie ich es zu erkennen glaube. Das andere ist die Wahrnehmung von außen, sie bestimmt den Umgang anderer Leute mit mir. Beide Bilder sind unterschiedlich. Das merke ich schon daran, dass auch die Mitmenschen, die ich für verbohrt halte, sich unverkennbar toll finden. Umgekehrt werden die das genauso sehen. Aber wer kennt schon wen wirklich.

Auch aus diesem Grund treffe ich mich mit Jugendfreunden. Die wissen was von mir, was sonst keiner weiß. Auf unseren Bildern im Kopf sind wir jung. Sie haben noch meine Eltern gekannt, die alte Wohnung. Jugendfreunde hat man erst im Alter. Man muss eine Weile gelebt haben, bevor man seine Erinnerung mit Leuten teilen kann, die früh dabei waren. Wir haben uns beim Erwachsenwerden begleitet. Ich verändere mich, wenn ich mit Menschen spreche, die ich lange kenne. Ich bin dann ohne Vorsicht.

Einmal im Jahr organisieren Mitschüler unsere Klassentreffen. Als Persönlichkeit hat sich keiner groß verändert, äußerlich schon, klar. Wenn jemand Fotos mitbringt, beginnt das Wunder der rückwärts laufenden Uhr. Wir sehen uns wieder beim Neptunfest an der Ostsee, als Nixen im Schilf-röckchen. Und wir werden, was wir früher waren – kichernde Gänse. Die andere Konstante ist mein alter Schulchor. Der nennt sich heute „Jugendchor Berlin-Mitte“, ich singe da beim Sopran. Wir treffen uns im Frühling und Herbst an einem Wochenende, wir schlafen in Doppelstockbetten einer Jugendherberge außerhalb Berlins, wir machen komische Stimmübungen und singen vierstimmig nach Noten – am Tag Bach, Haydn und Mozart, am Abend Schlager oder Seemannslieder. Dazu wird viel getrunken und manchmal getanzt. Beim Abschied drücken sich die Fahrgemeinschaften vor den Autos und sagen, wie schön es wieder war.

Jugendfreundschaften beginnen ohne Kalkül. Man steht zusammen an der Startlinie. Man weiß nicht, was man aus seinem Leben machen wird – alles ist möglich. Vielleicht zieht man in eine andere Stadt, verliert sich aus den Augen, aber sonderbarerweise kommt beim nächsten Treffen die Vertrautheit zurück. Jugendfreunde können Dinge erzählen, die ich vergessen oder verdrängt habe. Manches trifft mich. So warst du, sagen sie und schärfen mein Selbstbild.

In unserer Klasse waren fast alle Mädchen, in der Parallelklasse fast alle Jungs. Jede Hofpause und jede Party war ein Test, wie begehrenswert man war. Blicke, Verabredungen, die letzte, die langsame Runde im Jugendclub. Es reichte zum Verlieben, zu Konkurrenzen, zum Verlassen und Verlassenwerden. Unsere Gefühle waren neu und heftig. Man fand seinen Platz in einer Gruppe, erlebte die Sehnsucht nach Akzeptanz, die Balance zwischen Trotz, Mut und Anpassung. Vielleicht war es die wichtigste Zeit.

In zwei Wochen singen wir wieder.

Regine Sylvester ist Autorin.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

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