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Kolumne Israel hui, Griechenland pfui

Deutschland zeigt sich wählerisch, wenn es um Solidarität mit anderen Ländern geht. Während beim 50. Jahrestag deutsch-israelischer Beziehungen vom "Wunder" der Versöhnung geschwafelt wird, wartet man bei Griechenland sabbernd auf den Grexit. Ein zutiefst beschämendes Bild.

Hierzulande hören wir zumeist eine Art geil-sabbernden Grexit-Countdown: Können die noch? Wann sind die endlich pleite? Foto: dpa

Ja, es ist ein Grund zur Freude, dass Israel und Deutschland heute enge Beziehungen haben. Und es ist gut, dass diese nicht auf Verdrängung deutscher Verbrechen beruhen. Denn es gibt keine „Normalität“, keinen Schlussstrich, kein „Schwamm drüber“. Kein Schwamm wird jemals über den Holocaust passen.

Was aber vergangene Woche zum 50. Jahrestag deutsch-israelischer Beziehungen aufgeführt wurde, war in meinen Augen Kitsch. Angerührt vom Bundespräsidialamt, in Kooperation mit dem Springer-Verlag. „Ein Wunder“, lärmten Gauck und seine festlich geschmückte Echokammer „Bild“. Auch Merkel, Steinmeier und andere Organe stimmten ein. „Was für ein Versöhnungswunder!“, keuchte der „Tagesspiegel“. „Doch, das ist ein Wunder!“, jubilierte der Bayerische Rundfunk.

Also, ich war damals nicht dabei. Aber von Wundern war keine Rede. Viel kühles Kalkül auf beiden Seiten. Man kann das nachlesen, sogar online. Ich liefere hier mal Suchworte: Hallstein-Doktrin, Kalter Krieg, Waffenlieferungen, BND, DDR, Globke. Die damalige CDU-Regierung, die Vergangenheitsbewältigung klitzeklein schrieb, war brennend interessiert, dass im Eichmann-Prozess in Jerusalem nicht „führende Persönlichkeiten der Bundesrepublik“ belastet wurden. Verteidigungsminister Franz-Josef Strauß verteidigte Rüstungsdeals mit Israel im „Wunder“-Jahr 1965 mit dem Satz: „Die Israelis haben extreme Hetze gegen uns verhindert.“

Mal Kitsch, mal Keule

Der Aufrichtigste im ganzen Berliner Wunder-Zirkus letzte Woche war Israels Präsident Reuven Rivlin. Der vertritt eine verheerende Politik. Aber er sagt es wenigstens. Seine Botschaft, ich raffe das mal, lautete: Hört auf zu quatschen und zeigt mir das U-Boot!

Der Kitsch wird umso sichtbarer, wenn wir unser Verhältnis zu einem anderen Land ins Bild rücken: Griechenland. Auch hier gibt es viel deutsche Geschichte zu bestaunen. Eine mörderische Besatzung, KZs und Erschießungskommandos. Danach Opportunismus, Tricksereien, viel Schweigen, lächerliche Reparationen. Wieder betrieb Strauß innige Spezialpolitik – mit der Militärjunta. Nach dem Putsch 1967, ein toller Witz, erklärte er die Drachme zur „heute stabilsten Währung der Welt“.

Wieder auch folgten jede Menge Waffenlieferungen. Euro-Gruppenchef Juncker wies 2010 darauf hin, dass Deutschland und Frankreich in Griechenland „riesige Mengen Geld“ mit Fregatten, U-Booten und Kampfjets verdienen. Inzwischen wissen wir, dass dabei Millionen an Schmiergeld flossen. Und auch „Bild“ ist wieder tonangebend. Hier nicht mit Kitsch, sondern mit der Keule. Seit Jahren hetzt das Blatt gegen die „Pleitegriechen“.

Nun hat die von der Troika und vom wieder mächtigen Deutschland verordnete Austeritätspolitik dort großes menschliches Elend ausgelöst. Viele Griechen wählten eine linke Regierung, die irgendwie aus dieser Sackgasse zu kommen versucht. Doch hierzulande hören wir zumeist eine Art geil-sabbernden Grexit-Countdown: Können die noch? Wann sind die endlich pleite? Dazu stets das Bild des in 54 CDU-Jahren gegerbten Wolfgang Schäuble, der jetzt, nach tausend Demütigungen durch Kohl und Konsorten, den harten Hund geben darf. Den Mund zur Schießscharte verzogen, befeuert von Schlagzeilen wie „Spar-General zermürbt Griechen-Granit“ (ntv). Ein zutiefst beschämendes Bild.

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