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Kolumne Irgendwann wird man wütend

Fernsehen ist nicht gleich Fernsehen - heutzutage. Manchmal bleibt das Bild stehen, manchmal geht es gar nicht mehr.

Erlauben Sie mir, kurz die Geschichte eines häuslichen Scheiterns zu erzählen. Fernsehen, die einfachste Sache der Welt, wollte nicht mehr so recht gelingen. Der Empfang war gestört. Wir hatten irgendwann auf WLAN umgestellt, die Unterhaltungsmaschine kam von einem der führenden Anbieter, mit Gebühren und so, alles ganz legal.

Aber es hakte. Das Bild blieb stehen, beim Fußball, beim Tatort, überhaupt. Wen wir auch fragten, es konnte sich niemand so recht erklären. Mit zunehmendem Alter wird man geduldig. Zog sich der Bildausfall länger hin, führten wir ganz altmodisch Gespräche oder griffen gar zu einem Buch. Ich muss nicht mehr jedes Tor life erleben. Wenn Gäste kommen, bleibt der Fernseher selbstverständlich aus. Aber manchmal möchte man eben doch sehen, was los ist, obwohl es als äußerst uncool gilt, im digitalen Zeitalter wie gewohnt um 20 Uhr die Tagesschau anzuschauen.

Irgendwann hatte B. genug, ich bekam den familiären Auftrag, mich nach anderen Lösungen umzusehen. Kabelfernsehen. Gibt es heute natürlich auch mit allem Drum und Dran, Internet und Co. Kein Problem, sagte der Mann im Center des zuständigen Anbieters. Der Vertrag war gemacht, ehe ich überhaupt sicher war, ob ich einen wollte. Ein Blick in den Computer verriet dem Mann, dass das Haus, ein Altbau, in dem sich unsere Wohnung befindet, für modernste Kabeltechnologie zugänglich sei.

Ein paar Tage später bekam ich eine digitale Superkarte zugeschickt, von der es hieß, ich müsse sie nur in den dafür vorgesehen Schlitz des Fernsehers schieben. Der Rest erkläre sich von selbst, siehe Anleitung. Sie kennen das Prinzip Selbstmontage, für das unbedingt erforderlich ist, einen technologisch begabten Nachbarn zu haben. Der wusste auch nicht weiter. Die Firma, die einmal auf den vertrauenserweckenden Namen Kabel Deutschland hörte, ist telefonisch nur bedingt zu erreichen. Das hat sie mit den meisten Kommunikationsfirmen gemeinsam, die aufwändige Systeme eigens dazu unterhalten, um direkte Kommunikation abzuwehren.

Ich kürze hier ab: Nach zwei eigens anberaumten Begehungen mit wechselndem technischen Personal kamen die kompetenten Vertreter der angeheuerten Servicefirmen zu dem Ergebnis, dass die Voraussetzungen für den Empfang von Kabelfernsehen in dem Haus nicht gegeben seien. Meinen Vertrag werde man stornieren, die bereits eingezogenen Gebühren erstatten.

Während ich noch darauf warte, verknüpfe ich das Erlebte mit Überlegungen, warum irgendetwas nicht stimmt in unserem Land. Die AfD ist gegen die Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks durch Gebühren, aber mein Fernsehproblem, so vermute ich, werden sie auch nicht lösen. Ich schäme mich für meinen naiven Glauben an die digitale Zukunft, die Annahme, dass ein technischer Systemwechsel durch bloßes Umstöpseln zu erzielen sei.

Der Philosoph Günter Anders hat das einst prometheische Scham genannt. Wir können uns die Dinge, die wir als Gattungswesen hergestellt haben, nicht mehr vorstellen. Wenn sie uns ihren Dienst versagen, vergrößert das die Kränkung nur noch. Wenn man viele solcher Erfahrungen macht, wird man irgendwann wütend. Mein verhinderter Fernsehanbieter hat mir übrigens geschrieben. Er möchte seine Wunderkarte zurück. Das Porto zahle ich wohl drauf, in der Telekommunikationsbranche wird scharf kalkuliert.

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