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Kolumne Im Angesicht der Kreuze

Die Natur kennt keine religiösen Symbole. Und das Kamener Kreuz ist nicht wallfahrtstauglich. Aber in bayerischen Amtsstuben könnte man jetzt an die Kreuzotter denken. Die Kolumne.

Das Kreuz hat Hochkonjunktur. Eine derart große Nachfrage hat es lange nicht mehr erlebt, denn nun braucht man eines für jede Amtsstube in Bayern. Da kann das Tierreich nicht mithalten. Dort gibt es trotz des ministerpräsidentialen Erlasses nur ein paar Unterstützer, allen voran die Kreuzotter, die Kreuzspinne und die Kreuzkröte. Spärliche Beiträge kommen zudem aus dem Pflanzenreich: Kreuzkraut, Kreuzkümmel, Kreuzblütler.

Und was steuern die Bundesländer bei? Hier gibt es ein ganzes Netz von Beiträgen zum Thema Kreuz. Es reihen sich auf der Fläche ein das Kreuz Lübeck, das Kreuz Hamburg Ost, das Kamener Kreuz, das Frankfurter Kreuz, das Kreuz Nürnberg, um nur einige zu nennen. Alle sind heftig frequentiert, allerdings kaum wallfahrtstauglich.

Kreuze haben also eine fast flächendeckende Verbreitung in Deutschland. Sogar dann, wenn Drehkreuze und Hohlkreuze nicht in die Betrachtung einfließen. Und in der vertikalen Verbreitung kommen noch ein paar Gipfelkreuze hinzu, die allermeisten davon in Bayern.

Der bayerische Erlass verursacht eine deutliche Häufung von Kreuzen im Süden unserer Republik. Da bekommt das Wort vom Kreuz des Südens eine ganz neue Bedeutung. Das hatte Hans Albers sicher nicht im Sinn, als er dieses charismatischste aller Sternbilder 1944 in „La Paloma“ besang und damit der dumpfen Nazipropaganda ein Sinnbild für Freiheit und Fernweh entgegensetzte. Wer allerdings Kreuzspinne, Kreuzotter und Kreuzkröte mit diesem Namen bedacht hat, tat das deswegen, weil diese Tiere ganz banal eine markante Zeichnung auf dem Rücken, auf dem Kreuz tragen.

Kreuzspinne und Kreuzotter sind giftig, das weiß man. Aber das Gift kann dem Menschen kaum etwas anhaben. So gibt es in Deutschland seit Jahrzehnten keinen Todesfall, den die Kreuzotter verursacht hätte. Und die Beißwerkzeuge der Kreuzspinne sind so klein, dass sie Menschenhaut nicht einmal durchdringen kann. Wenn doch, etwa bei Kleinkindern, ist ihr Biss nicht schlimmer als der Stich einer Mücke oder Wespe.

Die harmlose Kreuzkröte ist nur nachts aktiv, man muss schon bewusst nach ihr suchen, um sie zu finden. Noch schwieriger ist das bei der Kreuzotter. Sie hat zwar das größte Verbreitungsgebiet aller Vipern vom nördlichen Polarkreis bis weit nach Südosteuropa und Asien hinein. Aber bei uns kommt sie nur an wenigen Stellen vor, ist sehr scheu, gefährdet und streng geschützt.

Es wäre doch naheliegend, dass künftig Schülerinnen, Lehrerinnen, Richterinnen, Notarinnen, Verwaltungsangestellte und andere Nutzerinnen und Besucherinnen (die weibliche Form soll jeweils die männliche einschließen) bayerischer Amtsstuben beim Anblick des Kreuzes gleich auch an die Kreuzotter und die vielen anderen bedrohten Tier- und Pflanzenarten denken.

Wer das Symbol an der Wand als Christ sieht, müsste sich sowieso in der Bewahrung der Schöpfung engagieren. Wenn sogar Bischöfe als Fachleute in Sachen Kreuz der Meinung sind, dass ein verordnetes Kreuz an der Wand unsere Gesellschaft eher spaltet als eint, dann stimmt mit dem Erlass wohl etwas nicht. Aber wir können uns im Lichte dieser Diskussionen und unabhängig von Symbolen darauf besinnen, dass in (fast) allen Religionen die Erhaltung der Natur ein wichtiger Teil der Lehre ist.

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